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Butros Butros-Ghali im Gespräch mit der ZEIT

ZEIT: Die Vereinten Nationen treten in eine neue Phase ihrer Geschichte ein. Immer mehr Konflikte, sowohl zwischen Staaten als auch interne Auseinandersetzungen, werden an sie herangetragen. Müssen die Hoffnungen, die sich auf eine gestärkte Weltorganisation richten, nicht zwangsläufig enttäuscht werden?

Butros-Ghali: Das Problem der Vereinten Nationen während des Kalten Krieges war mangelndes Vertrauen in diese Organisation. Das Problem der Vereinten Nationen nach dem Ende des Kalten Krieges ist, daß sich zu große Hoffnungen auf sie richten. Vorher traute die Welt der Uno zuwenig zu, heute wird ihr zuviel zugetraut.

Die erste Schwierigkeit ist, daß wir es statt wie früher mit einem oder zwei Konflikten heute gleichzeitig mit zwölf oder vierzehn zu tun haben. Wir werden also mit neuen Herausforderungen überladen.

Die zweite Schwierigkeit besteht darin, daß sich unsere Einsätze nicht mehr auf die Friedenssicherung beschränken, sondern daß sie zu allumfassenden Global-Aufträgen geworden sind. Neben der Friedenssicherung kümmern wir uns um den Wiederaufbau des betreffenden Landes, um die Rückkehr der Flüchtlinge, um die Reform der Regierung, und wir arbeiten in der Verwaltung mit.

Die beiden Fälle, in denen dies deutlich wird, sind El Salvador und Kambodscha. Dort erledigen wir alles: vom Aufbau einer Polizeiakademie in Salvador bis zur Entsendung von Verwaltungsbeamten nach Kambodscha, zur Reparatur von Straßen und Brücken, zur Rückkehr der Flüchtlinge. 360 000 gibt es beispielsweise in Kambodscha.

Die zweite Schwierigkeit liegt also darin, daß wir nicht mehr nur unparteiisch den Frieden sichern oder den Frieden schaffen – durch Vermittlung und Konsultationen. Zur Friedenssicherung kommen vielmehr eine Menge neuer Aufgaben hinzu, die sich auf alle Aspekte des nationalen Lebens eines Landes beziehen.

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ZEIT: Geben Ihnen die UN-Mitgliedsländer die Mittel an die Hand, um all diese Aufgaben bewältigen zu können?

Butros-Ghali: Nein. Dies ist die dritte Schwierigkeit: daß wir nicht über die nötigen finanziellen Mittel vefügen. Die Mitgliedsstaaten schulden uns ungefähr zwei Milliarden Dollar, beim regulären Budget wie bei den Kosten der Friedenssicherung. Die Vereinigten Staaten schulden uns etwa 820 Millionen Dollar, alle anderen Mitglieder, darunter die Sowjetunion, zusammen 1,2 Milliarden Dollar. Wir haben ernste Finanzprobleme.

ZEIT: Im Jugoslawien-Konflikt haben Sie die Europäer aufgefordert, selber mehr zu tun. Was soll, was kann die Europäische Gemeinschaft bewirken?

Butros-Ghali: Um ein ganz spezielles Beispiel zu nennen: In der Londoner Übereinkunft zwischen Lord Carrington und den bosnischen Fraktionen werden die Vereinten Nationen aufgefordert, die schweren Waffen in Bosnien-Herzegowina einzusammeln und an bestimmten Plätzen unter ihre Kontrolle zu stellen.

Nach Ansicht unserer Experten wird dieses Vorhaben jedoch etwa drei Monate dauern. Zum einen, weil wir die Soldaten und die Offiziere für diesen Einsatz erst herbeischaffen müssen; zum anderen, weil wir die Geländewagen für die Kontrolle und die Fernmeldeausrüstung kaufen oder mieten müssen. Die Europäer können die nötige Logistik innerhalb von drei bis vier Tagen auf die Beine stellen. Sie verfügen über die gesamte Infrastruktur; sie haben die Flugzeuge und die Kraftfahrzeuge; sie haben die Offiziere, die Telekommunikation. Und sie sind geographisch in der Nähe.

Ich hingegen muß erst zu den verschiedenen Mitgliedern Kontakt aufnehmen, eine Truppe zusammenstellen, den Befehlshaber benennen und bei den beteiligten Einheiten ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den verschiedenen Nationalitäten finden. Dann muß ich die Fernmeldeausrüstung beschaffen – und dann auch das Geld. Das ganze dauert ein Vierteljahr.

Ich will die Schwierigkeiten der Europäer in dieser Frage nicht unterschätzen. Aber meine Botschaft lautet: Versucht, etwas mehr zu tun!

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ZEIT: Sie haben den Europäern vorgeworfen, sie beschäftigten sich zu sehr mit Jugoslawien und seien blind für die Probleme vieler Länder im Süden.

Butros-Ghali: Ich habe das nicht zu den Europäern gesagt. Ich habe es vielmehr zu allen Mitgliedern der Vereinten Nationen gesagt. Nehmen Sie Somalia: Dabei geht es zuallererst um die Verantwortung der Afrikaner. Es gab einen klaren Unterschied zwischen den Bürgerkriegen in Somalia und in Jugoslawien: In Somalia sind zehnmal so viele Menschen wie auf dem Balkan getötet worden, doch niemand hat sich um das Land gekümmert. Ich sage nicht, daß wir uns um Jugoslawien nicht kümmern müssen. Aber ich sage, es ist meine Pflicht und die Pflicht der Vereinten Nationen, allen Mitgliedsstaaten die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken.

ZEIT: Sie sind in der Presse mit dem Wort zitiert worden, der jugoslawische Konflikt sei ein "Krieg der Reichen" ...

Butros-Ghali: Ich kann mich nicht erinnern, dies gesagt zu haben. Aber im Vergleich zu dem, was in Somalia geschieht, trifft es doch wohl zu.

ZEIT: In Kambodscha weigern sich die Roten Khmer, sich von den UN-Einheiten entwaffnen zu lassen. Was wollen Sie tun, damit sich die Gefolgsleute Pol Pots an die Bestimmungen des Pariser Abkommens halten?

Butros-Ghali: Wir verhandeln mit ihnen. Und wir hoffen, es gelingt uns, sie zu überzeugen, daß es in ihrem Interesse liegt, das Pariser Abkommen einzuhalten.

ZEIT: Hier im Hauptquartier der Vereinten Nationen spürt man die Sorge vor einer aufziehenden Krise – die Sorge, die Weltorganisation werde mit all den Konflikten überfordert, die ihr auf die Schwelle gelegt werden. Fürchten auch Sie einen Rückschlag?

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Butros-Ghali: Nein, denn trotz aller Schwierigkeiten sind wir in der Lage gewesen, mit den Problemen fertig zu werden.

Ich bin nach El Salvador gereist, und wir haben dort einen Friedensvertrag unterschrieben. In Salvador sind wir erfolgreich; ich stehe in Kontakt mit den verschiedenen Führern des Landes. Ich bin nach Kambodscha gereist und habe Kontakt mit den Handelnden dort. Ich habe einen Sonderbeauftragten ernannt, Mohamed Sahnoun, der jetzt in Somalia ist. Er hat eine ausgezeichnete Arbeit geleistet, es gibt Fortschritte. Ich habe jemand anderen für die Westsahara ernannt, den früheren pakistanischen Minister Yaqub Khan. Auch er erledigt seine Aufgabe gut.

Wir haben, ich weiß nicht, wie viele, Beobachter in Angola; im September gibt es dort Wahlen. Und soeben hat mich Nelson Mandela gebeten, zehn Beobachter nach Südafrika zu schicken.

Bis jetzt konnten wir allen Anforderungen entsprechen. Ich habe eine Liste von zwölf Anfragen, Wahlbeobachter in verschiedene afrikanische Staaten zu entsenden. Wir haben eine Mission nach Nagornyj-Karabach geschickt. Ein Beobachter nimmt an den Verhandlungen über Mosambik in Rom teil. Eine andere Expertengruppe wurde in den Kaukasus entsandt, weil es Beschuldigungen gab, die Aserbeidschaner setzten Giftgas gegen die Armenier ein. Gleichzeitig bin ich auch noch täglich damit beschäftigt, eine Lösung für das libysche Problem zu finden. Wir haben vier oder fünf Delegationen dorthin gesandt, und ich stehe in ständigem Kontakt mit den Libyern.

ZEIT: Noch mal: Ist dies alles nicht zuviel für die Vereinten Nationen?

Butros-Ghali: Es ist auf jeden Fall zuviel für meine Gesundheit.

Doch wenn wir mehr finanzielle und technische Unterstützung bekommen, dann werden wir noch wirksamer handeln können. Jedenfalls haben wir in diesem Haus äußerst motivierte Leute, die bereit sind, wenn es darauf ankommt, zehn und zwanzig Stunden zu arbeiten.

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ZEIT: In Ihrem Bericht "Programm für den Frieden" schlagen Sie eine schnelle Eingreiftruppe zur ständigen Verfügung der Vereinten Nationen vor. Haben schon Regierungen auf diesen Vorschlag reagiert?

Butros-Ghali: Ja, ich habe schon eine Antwort Frankreichs. Mitterrand hat mir gesagt, daß er bereit ist, tausend Fallschirmjäger oder tausend Mann einer Spezialtruppe innerhalb von 24 Stunden bereitzustellen und tausend weitere in weniger als einer Woche. Wenn noch zwanzig andere Länder dazu bereit sind, werde ich in einer besseren Position sein. Ich werde dann einem angegriffenen Land sagen können: In den nächsten 24 Stunden kann ich 5000 Fallschirmjäger oder eine schnelle Eingreiftruppe von 5000 Mann schicken, um eure Grenze zu schützen. Das wird meine Lage vollkommen verändern.

ZEIT: Sähen Sie gern auch deutsche Soldaten in einer solchen schnellen Eingreiftruppe?

Butros-Ghali: Ja, gewiß. Ich würde deutsche Einheiten begrüßen.

ZEIT: In Deutschland gibt es darüber eine lebhafte Debatte.

Butros-Ghali: Ich weiß, daß es eine lebhafte Debatte gibt. Und eines meiner Ziele ist es, mehr Unterstützung von Deutschland zu erhalten.

ZEIT: Sollte die Zahl der ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat erhöht werden? Die Japaner scheinen an einem Sitz ziemlich interessiert zu sein, die Deutschen halten sich noch zurück.

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Butros-Ghali: Meine Antwort ist ganz klassisch: Dies fällt nicht in meine Kompetenz. Es gibt den Artikel 109, der bestimmt, daß hierfür eine Änderung der Charta notwendig ist. Wenn Sie mich nach dem Umbau im Sekretariat fragen, dazu kann ich Ihnen jede Menge Ansichten liefern. Das ist meine Domäne.

ZEIT: Die Reform des Sekretariats gilt als eine der wichtigsten Aufgaben Ihrer Amtszeit.

Butros-Ghali: Ja, und ich habe damit angefangen und setze Rationalisierung und Umbau fort. Verschiedene Ausschüsse beschäftigen sich mit der Sache. Einer befaßt sich mit den Nachfolgefragen zu Rio; ein anderer soll die Zusammenarbeit zwischen den Vereinten Nationen und den verschiedenen Sonderorganisationen verbessern. Ein dritter Ausschuß arbeitet an einem Bericht, wie sich die neue Kommission für nachhaltige Entwicklung in die verschiedenen UN-Organisationen einordnet, die sich mit sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen beschäftigen.

ZEIT: Sie haben Rio erwähnt. Brauchen wir nicht einen neuen, umfassenderen Sicherheitsbegriff?

Butros-Ghali: Ich habe ja schon erwähnt, daß wir jetzt einen umfassenden Ansatz haben. Statt bloß durch friedenssichernde Unternehmen schaffen wir Sicherheit durch Wiederaufbau, die Rückkehr von Flüchtlingen, den Bau von Straßen, durch Landverteilung (wie in Salvador), durch die Reform der Verwaltung. Dies ist kein philosophisches oder akademisches Konzept. Nein, es geschieht praktisch. Das wird sich während der kommenden Monate auch in Jugoslawien erweisen, falls wir dort ein Minimum an Sicherheit erreichen können.

ZEIT: Sie sind ein Optimist ..

Butros-Ghali: Wenn ich kein Optimist wäre, hätte ich, erstens, diesen Job in meinem Alter nicht angenommen. Und zweitens hätte ich es nicht vierzehn Jahre als ägyptischer Außenminister ausgehalten – vom Besuch in Jerusalem bis zum Ende des Jahres 1991.

Das Interview führte Matthias Naß