ZEIT: Geben Ihnen die UN-Mitgliedsländer die Mittel an die Hand, um all diese Aufgaben bewältigen zu können?

Butros-Ghali: Nein. Dies ist die dritte Schwierigkeit: daß wir nicht über die nötigen finanziellen Mittel vefügen. Die Mitgliedsstaaten schulden uns ungefähr zwei Milliarden Dollar, beim regulären Budget wie bei den Kosten der Friedenssicherung. Die Vereinigten Staaten schulden uns etwa 820 Millionen Dollar, alle anderen Mitglieder, darunter die Sowjetunion, zusammen 1,2 Milliarden Dollar. Wir haben ernste Finanzprobleme.

ZEIT: Im Jugoslawien-Konflikt haben Sie die Europäer aufgefordert, selber mehr zu tun. Was soll, was kann die Europäische Gemeinschaft bewirken?

Butros-Ghali: Um ein ganz spezielles Beispiel zu nennen: In der Londoner Übereinkunft zwischen Lord Carrington und den bosnischen Fraktionen werden die Vereinten Nationen aufgefordert, die schweren Waffen in Bosnien-Herzegowina einzusammeln und an bestimmten Plätzen unter ihre Kontrolle zu stellen.

Nach Ansicht unserer Experten wird dieses Vorhaben jedoch etwa drei Monate dauern. Zum einen, weil wir die Soldaten und die Offiziere für diesen Einsatz erst herbeischaffen müssen; zum anderen, weil wir die Geländewagen für die Kontrolle und die Fernmeldeausrüstung kaufen oder mieten müssen. Die Europäer können die nötige Logistik innerhalb von drei bis vier Tagen auf die Beine stellen. Sie verfügen über die gesamte Infrastruktur; sie haben die Flugzeuge und die Kraftfahrzeuge; sie haben die Offiziere, die Telekommunikation. Und sie sind geographisch in der Nähe.

Ich hingegen muß erst zu den verschiedenen Mitgliedern Kontakt aufnehmen, eine Truppe zusammenstellen, den Befehlshaber benennen und bei den beteiligten Einheiten ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den verschiedenen Nationalitäten finden. Dann muß ich die Fernmeldeausrüstung beschaffen – und dann auch das Geld. Das ganze dauert ein Vierteljahr.

Ich will die Schwierigkeiten der Europäer in dieser Frage nicht unterschätzen. Aber meine Botschaft lautet: Versucht, etwas mehr zu tun!