Von Karl Schlögel

Man muß nicht aus dem Baltikum stammen, und man muß dort keine Verwandten besuchen, um angerührt oder eingeholt zu werden von etwas, was einem irgendwie vertraut erscheint, was einen nicht in Ruhe läßt. Viele wandern dort neuerdings auf verschütteten Spuren – auch Schweden, Finnen, Dänen, bald auch die Russen. Und jeder sieht auf seine Weise. Auch derjenige, der aus Deutschland kommt.

Der Verdacht, daß sich in diesem Wiedererkennungseffekt nur eine alte Projektion zeigt, reist immer mit. Er macht den Besucher befangen und unfrei, er diszpliniert ihm und macht ihn behutsam. Jedes Entzücken wird zurückgenommen durch eine Trauer darüber, daß es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Und jede Tristesse wird durchbrochen durch die zufällige Begegnung mit einem Detail; dieses kann sein: eine deutsche Giebelinschrift, ein Exemplar der Revaler Zeitung in einem der Museen von Tallinn oder Tartu; eine alte Museumswärterin, die den Fremden in seiner Sprache anspricht.

Die Begegnung mit dem Fragment reißt die Zeitspanne ein, die zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit sich aufgetan hat, sie stellt Kontakt her zu einer Welt, die es einmal gab. Daß es das Fragment gibt, zeigt aber auch, daß es eine ältere, gegen die Zeit resistente andere Welt vor allem Schrecken und Feuerschein gegeben hat. Wer kann, der setzt die Fragmente zusammen. Er füllt die leeren Räume, die er vor Augen hat, mit dem, was er von anderswoher weiß, aus den Bibliotheken, den Memoiren, vielleicht Erzählungen von solchen, die alles noch kennen aus der Zeit vor der großen Auflösung.

An Ort und Stelle – etwa in Tartu, das wir doch auch Dorpat, und in Tallinn, das wir doch auch Reval nennen dürfen – ist erst jetzt die Arbeit an der gedanklichen Vergegenwärtigung und Rekonstruktion des baltendeutschen Anteils an der Geschichte ihrer Städte und Länder aufgenommen worden. Da jeder Blick eine eigene Geschichte und Richtung hat, sieht man vieles verschieden. Aber auch dort wird man ohne die ausgewanderte, nach Westen verpflanzte Erinnerung nicht auskommen, wenn die eigene Vergangenheit wieder angeeignet werden wird.

Friedhöfe

Zwischen den Bahngleisen, die zum Talliner Hafen führen, und den Gleisen der Straßenbahn breitet sich ein Park aus. Das Gras ist lange nicht gemäht worden. Es ist ein Park wie viele auch – vernachlässigt, verwahrlost. Dem quadratischen Torbau am Ende des Parks ist erst, wenn man innehält, anzusehen, daß es sich um eine alte Kapelle handelt. Nur wer achtsamer geht, auf die Unebenheiten, auf die im Gras liegenden Quader sieht, wird stutzig. Er kann auf dem schattigen Gelände, das nach Kinder- und Abenteuerspielplatz aussieht, mit dem Fuß alte Grabeinfassungen ertasten. Es ist der Friedhof von Ziegenkoppel, des heutigen Kopli, mit seinen einst stattlichen, inzwischen heruntergekommenen ein- und zweistöckigen Holzhäusern und Villen. Irgendwo, wieder zu Hause, erfährt der Fremde, daß dort die aus Kassel stammende Opernsängerin Gertrud Elisabeth Mara, geborene Schmeling, beerdigt sein soll – die Mignon aus Wilhelm Meisters Lehrjahren.