Schon 1973 führte die von einer Mehrheit in der sozialliberalen Koalition betriebene Reform des Abtreibungsparagraphen zu heftigen Debatten. Zu dieser Majorität, der es um die – dann vom Verfassungsgericht verworfene – Fristenregelung ging, gehörte vor allem auch die damalige Bundestagsvizepräsidentin Liselotte Funcke von der FDP. In der Parlamentsdebatte am 17. Mai 1973 sagte sie anhand konkreter Beispiele unter anderem:

Wenn jetzt diese Frau das fünfte Kind erwarten und sagen würde: Ich kann nicht mehr!, was passiert denn dann? Nach dem Entwurf von Herrn Heck: Gefängnis. Nach dem Entwurf der CDU: mindestens Anklagebank. Und nach dem Entwurf von Herrn Müller-Emmert? Wenn sie viel Glück hat, findet sie einen Arzt, der würde genehmigen. Aber wenn er das nicht tut, meine Herren und Damen, dann bleibt nach dem Entwurf von Müller-Emmert legal nur die Stricknadel.

Meine Herren und Damen, dieser Fall und viele andere passieren täglich und stündlich und minütlich bei uns. Und täglich und stündlich und minütlich entscheidet eine Frau – unberaten, getrieben; geängstigt – über das, was sie glaubt tun zu müssen und was sie dann in der Illegalität tun muß. Hier liegt für die Freie Demokratische Fraktion der Angelpunkt für die Fristenregelung.

Wenn mir eine Frau schreibt, das schlimmste sei, daß man sich vorher und hinterher nicht aussprechen könne, dann liegt darin die ganze Qual eines Menschen, der sich unter dem Druck einer schweren Gewissensentscheidung aussprechen möchte und es nicht wagt, um sich nicht zu verraten. Deshalb wollen wir endlich die freimütige Aussprache öffnen und damit die Wege zu Rat und Hilfe weisen.

Nein, geschützt hat der Paragraph 218 weder das Kind noch die Frau. Geschützt hat er nur uns alle seit vielen Jahren davor, uns mit diesem miserablen Thema auseinandersetzen zu müssen und endlich die Not der Frauen einmal ernst zu nehmen! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber nach alldem, was heute morgen gesagt wurde, und nach der Reaktion jetzt muß ich feststellen: Es gibt offenbar ein großes Mißtrauen der Männer, daß Frauen, wenn sie nicht mehr unter der Fuchtel des Strafrechts stehen, möglicherweise etwas anders als bisher entscheiden könnten. Sie, die Männer, fühlten sich offenbar stark genug, in anderen Fragen auch ohne Strafrecht auszukommen und trotzdem nach sittlichen Maßstäben zu handeln. Aber bei den Frauen unterstellen sie, daß ohne Strafdrohung sofort der Dammbruch kommt.

Meine Herren und Damen, hier bricht eine sehr ernste Frage auf. Hier zeigt sich ein unterschiedliches Verständnis, das die Diskussion hier und draußen so unendlich schwer macht. Da Sie, die Männer, die Welt bisher so entscheidend geprägt haben, beurteilen Sie ganz selbstverständlich alle Dinge nach Ihren Maßstäben, als seien sie allein gültig und richtig. Verstehen Sie bitte folgendes nicht als Angriff und nicht als Polemik: Frauen werden nie begreifen, warum eine Frau bestraft wird, wenn sie im zweiten Monat ein Kind abtreibt, nicht aber der Pilot, der über einer Wohngegend eine ganze Bombenladung ausklinkt. Sie haben durch Jahrtausende für das, was im Krieg geschah, eine besondere ethische Rechtfertigung entwickelt. aber Sie wollen nicht anerkennen, daß eine Frau in einer Situation, in der sie ein unerwünschtes Kind erwartet, möglicherweise auch eine ethische Rechtfertigung für ihr Handeln hat.

Ich meine, wir alle, die wir Mutterliebe, Verständnis und Geborgenheit haben spüren dürfen und dies als ein Fundament unseres Lebens erfahren konnten, wir sollten im Respekt davor keine Frau ins Gefängnis bringen, die aus ihrem subjektiven Verständnis heraus das Kind nicht glaubt verantworten zu können.

Zugunsten besserer Lesbarkeit sind weder die Auslassungen markiert noch die Reaktionen im Plenum festgehalten.