Von Volker Ullrich

Das Tagebuch des Obersten Ernst van den Bergh aus den frühen Jahren der Weimarer Republik ist eine ungewöhnliche historische Quelle. Denn dieser Offizier war ein Außenseiter unter seinesgleichen, kein militärischer Haudegen, den es an die Front zog, sondern eher ein Schreibtischmensch mit ausgeprägten intellektuellen Neigungen. Bei Kriegsende 1918 Abteilungsleiter im preußischen Kriegsministerium, gehörte van den Bergh zu den wenigen Militärs, die den neuen republikanischen Verhältnissen aufgeschlossen gegenüberstanden und sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten auszugestalten suchten. Seine Aufzeichnungen, vom Freiburger Historiker Wolfram Wette kundig ediert, zeigen allerdings, welchen Widerständen er dabei im eigenen Ministerium begegnete.

War das, was Anfang November 1918 geschah, überhaupt eine Revolution? Nach Lektüre dieses Tagebuchs mögen einen neue Zweifel beschleichen. Über den 9. November in Berlin notiert van den Bergh: "Nun zogen aber große geordnete Arbeiterzüge mit roten Fahnen, bewaffnete Soldaten mit Maschinengewehren an der Reichskanzlei vorbei. Als ich später zu Fuß zum K(riegs) Ministerium) zurückgehen wollte, redete mir ein Arbeiter freundlich zu, doch lieber umzudrehen, da mir in der Leipziger Straße die Matrosen die Achselstücke abreißen und den Säbel wegnehmen würden." Ein revolutionärer Arbeiter, der sich um Achselstücke und Säbel, den Ehrenschnickschnack eines preußischen Offiziers sorgt – die Szene hat Symbolwert! In den nächsten Tagen trägt der Oberst Zivil, doch schon bald bedarf es dieser Kostümierung nicht mehr.

Wenn schon eine Revolution in Deutschland, dann bitte eine ordentliche, eine, die niemandem weh tut! Dafür bürgten die Mehrheitssozialdemokraten um Ebert und Scheidemann. Von der ersten Seite des Tagebuchs an werden sie gerühmt als vernünftig, zuverlässig, vaterlandsliebend, eben als Garanten eines sanften Übergangs. Ganz anders die Spartakusleute um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In ihnen vermag auch der Oberst nur "raub– und plünderungslustiges Gesindel" zu erkennen. In dieser haßverzerrten Wahrnehmung unterschied er sich überhaupt nicht von seinen reaktionären Offizierskameraden. Auf "Spartakus" – das Schreckwort aller Spießer – konzentrierten sich die Ängste vor grundlegenden Veränderungen, vor einem Verlust des privilegierten gesellschaftlichen Status. Van den Berghs Aufzeichnungen belegen, wie sorgfältig der Gegenschlag der großen Ordnungskoalition aus Mehrheitssozialdemokraten, Bürgertum und Militärs gegen die radikale Linke vorbereitet und wie zielstrebig er im Januar 1919 in die Tat umgesetzt wurde. Der "2. Akt der Revolution", von dem im Tagebuch die Rede ist – er stand bereits im Zeichen einer triumphierenden Gegenrevolution.

Im Gegensatz zum Gros der Offiziere in der vorläufigen Reichswehr trat van den Bergh im Sommer 1919 für die Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages ein – in der Erwartung allerdings, daß dieser Frieden "nicht ewig bleiben", also durch eine beharrliche Revisionspolitik außer Kraft gesetzt werden könne. Das Tagebuch enthält eine höchst aufschlußreiche Eintragung: die Niederschrift über den sogenannten "Kriegsrat" im Marstall von Weimar am 19. Juni 1919, an dem die gesamte militärische Führung, einschließlich Reichswehrminister Noske und Kriegsminister Reinhardt, teilnahm. Mehrere Generäle plädierten für eine Wiederaufnahme des Krieges: Die militärische Lage im Osten sei "sehr günstig; sie könnten das ganze polnische Heer zu Mus schlagen". Nur wenige Monate nach der Niederlage von 1918 also dürsteten kaiserliche Militärs nach neuen Kriegstaten. Und Noske, der sozialdemokratische Minister, ihr Vorgesetzter: Rief er die Scharfmacher zur Ordnung? Keineswegs: Er hörte ihnen geduldig zu, ließ es sich sogar gefallen, daß sie ihn schon als kommenden "Diktator" in Deutschland feierten, ohne ihnen mit einem Wort klarzumachen, daß sie der republikanischen Regierung zu Gehorsam verpflichtet waren.

Noskes Vertrauen in die hohe Generalität war so groß, daß er alle Warnungen, auch die van den Berghs, vor einem drohenden Rechtsputsch in den Wind schlug und dann aus allen Wolken fiel, als die Brigade Ehrhardt im März 1920 tatsächlich auf Berlin losmarschierte. Im Unterschied zu den meisten Reichswehroffizieren, die den Putschisten offene oder versteckte Sympathien entgegenbrachten, weigerte sich van den Bergh, "solchen abenteuerlichen Verfassungsbruch mitzumachen". Für seine standfeste Haltung wurde er allerdings nicht belohnt; im Gegenteil, in den Augen seiner Vorgesetzten hatte er sich damit für weitere Führungsaufgaben disqualifiziert. Aus Enttäuschung darüber, daß auch nach dem gescheiterten Putsch die alten monarchistischen Kräfte den Ton angaben, kehrte er 1921 der Reichswehr den Rücken. Erleichtert wurde ihm der Schritt durch das Angebot des preußischen Innenministers Severing, an führender Stelle beim Aufbau der preußischen Schutzpolizei mitzuwirken.

Handelte der Sozialdemokrat weise, als er den ehemaligen kaiserlichen Offizier mit dieser Aufgabe betraute? Zweifel sind erlaubt, denn nach Lektüre seiner Aufzeichnungen fällt es, wie Wette zu Recht bemerkt, schwer, in ihm "durchgängig den überzeugten Republikaner zu erkennen". Zwar war van den Bergh realistisch genug, um der Monarchie nicht nachzutrauern, doch in seinen immer wieder durchbrechenden Animositäten gegen Parlamentarismus und "Parteiwirtschaft" blieb er ein Kind des Kaiserreichs. Und mit seiner als positiv dagegengesetzten Idee einer "Volksgemeinschaft" bewies er eine gewisse Anfälligkeit für Bestrebungen, die im Nationalsozialismus zum Zuge kommen sollten.