ARD, Mittwoch, 12. August, 23.05 Uhr: "Das lange Gespräch mit dem Vogel" – Fernsehspiel von Krzysztof Zanussi nach dem gleichnamigen Roman von Tankred Dorst

Zanussi hat einen Film gedreht, der wie eine Studie wirkt zum Begriff der Gravitation. Im Mittelpunkt liegt, sitzt, ruht in sich ein vierzehnjähriges sommersprossiges Biest, ein Backfisch mit den typischen komisch überpointierten Leibeswölbungen. Gewichte, mit denen sich das Kind herumschleppt, die es nicht wahrhaben will, die es übellaunig machen und traumschwer.

Dieses Gravitationszentrum Laura ist auf der Suche nach einem Satelliten, der die neue Gewichtigkeit lohnte. Wo aber findet man Leichtgewichte, die anziehend sind und sich anziehen lassen, mit denen man sich schmücken kann? Am Theater wohl oder beim Film.

Laura verliebt sich in den Schauspieler John (Robert Powell), der von sich sagt, daß es eigentlich ein Mangel an Eigengewicht sei, der es ihm erlaubt, in alle Rollen zu schlüpfen. Sie umkreist ihn nicht, sie begibt sich nur in seine Nähe und hält dort aus, starrsinnig, schweigend, beobachtend. Sie bleibt ihm nahe, als er mit der Frau Mama (Brigitte Fossey) Urlaub in Thailand macht. Sie ist nur da und wartet, daß seine Sinne ihr Gewicht wahrnehmen, das spezifische Gewicht eines Menschen, für den nichts unmöglich ist.

Die Attraktion der Zwischenzeit, in der man Kind ist und Erwachsener und keines von beiden, die Magie universaler Lebensmöglichkeiten, die in diesem blassen, widerspenstigen Mädchen sind, das nur selten aus seinem Kokon lugt, die Augen kaum aufschlägt, kaum einmal die Ohrhörer des Walkmans abnimmt, das kaum etwas Wirkliches ist, das nur aus Möglichkeit besteht. Laura (Olivia Leigh) ist in einem Halbschlaf und überwach; gelingt es ihr, den schönen Mann einzufangen, ist sie erwachsen, weist er sie zurück, muß sie Kind bleiben. So viel steht auf dem Spiel, so Schweres.

Einmal, nach einem langen Marsch, wird sie ihn bitten, sie zu tragen. Da muß er sich mühen, da muß er es für wahr nehmen, daß sie einen Frauenkörper hat, in dem sie heimisch werden will mit seiner Hilfe. Dann hat sie sich in sein Bett verkrochen, und John muß sie rauswerfen. Er bietet seine Schauspielerei auf, spielt den Vernünftigen und den Gestrengen und den älteren Herren – und vor diesem Backfisch wird nichtig, was er im Repertoire hat, ihr ist es ganz Ernst.

Eine wunderbare Szene, wie er sie da umkreist, zu ihr hinstürzt und zurückschreckt, wie er aus der Bahn fällt und buchstäblich ins Schleudern kommt. Plötzlich ist er neben ihr zu liegen gekommen, ist tief erschrocken und starrt sie an und japst. Was ihm da noch einfällt, ist der Altersuntersied, dreißig Jahre! Und als er es ausgesprochen hat, ist es schon nichts mehr, was die Anziehungskraft brechen könnte.

Im Gegenteil, gerade die Vorstellung, über die Begrenzung der eigenen Lebenszeit hinauszukommen, sich in eine andere Zeitrechnung zu begeben, liegt plötzlich verlockend nahe. Immer will er sie photographieren, "ihre Magie" will er einfangen und sich so vom Leibe halten. Er kann es nicht, weil er selbst zu leicht ist, ein Abbild seiner selbst. Zanussis Melodram erzählt die alte Geschichte der Verführbarkeit eines unernsten, eines lächerlichen Menschen. Er erzählt sie so, daß sie jeden meint, die Normalität eines verführten Lebens. Martin Ahrends