Der Gefängniswärter ist verwirrt – aus der nächtlichen Zelle dringt Gelächter. Die beiden Eingeschlossenen sind offenkundig guter Dinge und verstehen sich prächtig. Der eine Häftling ist ein krimineller Niemand: Wilfried A. (44), "Ex-Räuber, Ex-Vergewaltiger etc.", so jedenfalls hat es Bild recherchiert. Der andere ist ein weltberühmter Mann: Erich H. (79), gerade noch erster Mann seiner inzwischen ruhmlos untergegangenen Republik.

Honecker ballt die Faust (vorgestern in Moskau), Honecker lacht (gestern in Moabit). Der Mächtige nach seinem Fall, der Diktator im Knast – sollte er etwa gar nicht zu Tode verzweifelt sein, dem Selbstmord nahe? Sondern erleichtert? Zwar hinter Gittern, aber befreit?

Daß man den Erich H. vor wenigen Jahren in Bonn wie einen wahren Staats- und Ehrenmann empfangen hat und ihn nun schmählich einsperrt – die vielen Gerechten beobachten seinen Absturz mit schadenfroher Genugtuung, die wenigen getreuen Genossen mit fassungsloser Trauer. Ein paar Empfindliche sind empfindlich verstört. Aber daß es ein Sturz ist, glauben doch alle.

In den Märchen freilich, die klüger sind als die sogenannte Wirklichkeit (wodurch sich die Wirklichkeit aber nicht stören läßt), ist alles genau umgekehrt. Dort beschreibt man uns den Sturz aus der Macht als einen Flug ins Freie. Dort ist der Moment des Erwachens (und sei es hinter Gefängnisgittern) der Augenblick der Erkenntnis. Als seien Macht und Reichtum kein süßer Traum gewesen, sondern ein böser Wahn.

Dann also wäre der lachende Erich der kluge Erich – endlich wieder dort, wo ein Kommunist (der diesen Namen verdient) hingehört – nicht mehr bei den öden Festen der Selbstvergötzung, den Parteitagen, martialischen Maiparaden, fürstlichen Jagden. Sondern, Bett an Bett mit Wilfried A., auf der Seite der Elenden.

Der Dachdecker als Kommunistenkönig, der König als Häftling. Von ferne erinnert Honeckers Lebensgeschichte an die Märchen aus uralten Zeiten. Calderöns Prinz ("Das Leben ein Traum"), der im Gefängnis schmachtet, dann Herrscher sein darf, die Macht schrecklich mißbraucht und ins Gefängnis zurückmuß, Raimunds Fortunatus Wurzel ("Der Bauer als Millionär"), der alles kaufen möchte, auch den Geist, weshalb er die Bücher für seine "Biberlithek" gleich pfundweise bestellt, obwohl er gar nicht lesen kann, und der erst wieder glücklich ist, als er nichts mehr ist, nur noch Bauer, natürlich auch der Fischer samt Frau Ilsebill – sie alle sind so etwas wie die Märchenahnen des deutschen Mannes Honecker. Hochmut, lehrt uns die Fabel, kommt vor dem Fall, Weisheit danach.

Natürlich wollte Honecker nicht sein wie Gott. Das überließ er größeren Genossen, wie Mao, Ceauşescu, Kim II Sung. Aber er wollte sein wie Kohl. Und als die beiden dann, anno 1987, nebeneinanderstanden, roter Teppich, geblähte Brust, dieses ungleiche gesamtdeutsche Brüderpaar, Riese Helmut und Däumling Erich, da mag dem Honecker sein Leben endgültig wie ein Märchen vorgekommen sein.