HALLE. – Auf der Treppe des "Reformhauses" und vor den Räumen des Neuen Forums drängen sich die Menschen. Sie stehen Schlange, um Listen anzusehen, brisante Listen mit Namen von Personen, die als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der ehemaligen Bezirksverwaltung der Staatssicherheit von 1986 bis 1989 registriert waren. Auf 112 Seiten stehen rund 5000 Namen. Die Geburtsdaten verweisen sowohl auf hochbetagte Personen als auch auf Jugendliche im Schulalter. Daneben finden sich die Decknamen; der IM konnte sie gewöhnlich selbst wählen, und es kam vor, daß sich ein Dramaturg den Namen eines Schauspielers, ein Student den seines Professors aussuchte. Da tauchen "Ringelnatz" oder "Albert Schweizer" auf, aber auch Phantasiegeburten wie "Nelkenbrecher", "Uranus" oder "Schaumlöffel". Ein Herr König nennt sich "Kaiser", eine Frau Winter "Sommer" ...

Die Rubrik "Betrieb/Einsatzrichtung" wirft ein Licht auf die perfide Stasi-Organisation. Vermerkt ist beispielsweise, ob Familienangehörige "mitverpflichtet" sind ("Ehefrau wird schon genutzt"). Ein Mann ist beauftragt zur "Bearbeitung weiblicher Personen/Intimkontakte", eine Frau für "direkte Bearbeitung männlicher Personen". Obskure "Einsätze in Künstlerkreisen" sind vorgesehen, "Arbeit mit Gesprächslegenden" und "Einschleusung christlicher Frauen".

Zur "Auskundung" oder "Störtätigkeit" sind auch ungezählte IM mit Wohnsitz im Westen aufgelistet. Zum Einsatz eines Westberliner IM ist "FO Hilferuf von drüben" notiert. FO steht für "Feindobjekt" – das waren Einrichtungen, die angeblich oder tatsächlich von westlichen Ländern aus gegen die DDR agierten.

Bei der großen Zahl veröffentlichter Namen bleiben kaum jemandem Überraschungen erspart. "Ich will bloß sehen, ob ich drinstehe", sagt eine Frau. Vielleicht findet sie nicht den eigenen Namen, sondern den ihres Kollegen, Nachbarn, der Freundin oder gar den ihrer Schwester, ihres Mannes oder ihres Sohnes. Die Stille im provisorischen Leseraum wird ab und zu unterbrochen: "Hab’ ich mir’s doch gedacht.. .!" ruft einer und haut mit der Faust auf den Tisch. Ein anderer lacht bitter auf, eine alte Frau geht weinend hinaus.

Gleich am ersten Tag, an dem die Listen öffentlich ausliegen, muß das Neue Forum weitere Räume öffnen und neue Kopien machen. Bis zum Abend stehen den Lesenden Gesprächspartnerinnen zur Verfügung, die Stasi-Abkürzungen erklären und Strukturen erläutern. Hitze, Enge und stickige Luft nehmen die Leute in Kauf und kämen sogar nachts, um die Listen einzusehen. "Der Tag, an dem sich Halle veränderte", titelte die Boulevardpresse in gewohnter Übertreibung. Doch derzeit gibt es wirklich kaum ein wichtigeres Stadtgespräch. Am zweiten Tag erscheint ein Rechtsanwalt mit der ersten "einstweiligen Verfügung": Sein Mandant, angeblich positiv evaluiert und behördlich überprüft, steht dennoch in der Liste – und kurz vor der Berufung zum Professor; er erstattet Anzeige wegen "übler Nachrede". Sein Name wird geschwärzt, und im Laufe der Zeit nehmen die schwarzen Linien zu. Natürlich ist die Verbreitung der Liste umstritten. Auch ihre Veröffentlichung in der Presse widerspricht strenggenommen der journalistischen Sorgfaltspflicht, weil niemand weiß, woher die Informationen stammen. Als Absender gerieten Mitarbeiter der Gauck-Behörde und Bürgerrechtler, die zur Wende das Ministerium für Staatssicherheit mit auflösten, ebenso in Verdacht wie ehemalige Stasi-Offiziere, die damit von eigener Schuld ablenken wollten. Zusammen mit einem anonymen Begleitschreiben wurden rund dreißig Exemplare der Liste an Ministerien in Sachsen-Anhalt verschickt, an die Gauck-Behörde, Halles Oberbürgermeister, an Landtags- und Stadtparlamentsfraktionen.

Dieser Umstand reichte dem Neuen Forum zur Rechtfertigung, die Blätter Mitte Juli in seinen Räumen auszulegen. Ob das gegen die Datenschutzbestimmungen und das Stasi-Unterlagengesetz verstößt, prüft inzwischen die Staatsanwaltschaft und ermittelt gegen Unbekannt. Die Gauck-Behörde verspricht, diejenigen, die meinen, zu Unrecht aufgeführt zu sein, beschleunigt zu überprüfen. In Halle, wo die Stasi besonders infam arbeitete, hat die dubiose Liste jedenfalls viele Steine ins Rollen gebracht. Christoph Kuhn