Von Rainer Frenkel

Natürlich hat auch Hansgeorg Bräutigam Verwandte. Nur nicht die, die ihm – leichtfertig oder böse Zusammenhänge insinuierend – gern angedichtet werden.

Da ist zum Beispiel Hans-Otto Bräutigam, heute brandenburgischer Justizminister und vordem Ständiger Vertreter der alten Bundesrepublik in Ost-Berlin. Mit ihm hat allein die Namensgleichheit angebliche Familienbande geknüpft. Oder eine leitende Staatsanwältin gleichen Namens, vermeintlich seine Frau, in Wahrheit seine Schwägerin. Angeblich arbeitet sie ihrem Hansgeorg zu. In Wirklichkeit haben sie noch kein gemeinsames Verfahren geführt. "Das verbietet sich doch", sagt Hansgeorg Bräutigam. Wohl wahr.

Dieser Hansgeorg Bräutigam wird als Vorsitzender Richter der 27. Großen Strafkammer beim Landgericht Berlin den Prozeß leiten, der, aller Voraussicht nach, im Spätherbst gegen einige der wichtigsten Männer der untergegangenen DDR eröffnet wird. Bekanntlich wird, unter anderen, dem einstigen Staats- und Parteichef Erich Honecker, dem Stasi-Minister Erich Mielke und Verteidigungsminister Heinz Keßler vorgeworfen, für den Tod vieler Menschen an Grenze und Mauer verantwortlich zu sein.

Daß nun, noch bevor überhaupt ein Eröffnungsbeschluß gefaßt ist, der Richter Bräutigam zum Objekt allgemeiner journalistischer Begierde avanciert ist, muß nicht wundern. Wie das aber geschieht, wie zwanzig Jahre alte Geschichten immer wieder neu erzählt werden, wie dabei die Genauigkeit häufig nur geringe Achtung erfährt, das erstaunt denn doch. Deutlich wird, und daran ist er selbst nicht unschuldig: Hansgeorg Bräutigam ist ein Mann in der Schublade. Auf der steht: "Streiter gegen links – Scharfmacher".

In der Frankfurter Rundschau war gar zu lesen: "Noch nie hat jemand dem ideologisch gewiß eindeutig orientierten Juristen auch nur den Versuch der Rechtsbeugung vorgeworfen." Welch eine, ideologische, Enttäuschung. Da hat man ihn, den bösen Feind, und der verweigert sich.

"Ich nehme das einfach so hin", sagt Bräutigam. Auch wenn man ihn einen "Law-and-order-Mann" nennt, begreift er das nicht "als Schmäh", auch nicht "als Schimpfwort". Der Mann, der sich als "aktiver Katholik" versteht, der damit im evangelischen Berlin gleichsam in der Diaspora lebt – ein Umstand, den Kämpfernaturen zu genießen wissen –, der sagt einfach: "Es wird schon richtig sein, daß ich von konservativen Grundanschauungen geprägt bin." Ob das ein Verbrechen sei, fragt er rhetorisch. Der Richter in der Rolle des Angeklagten. Seine Körpersprache verrät, daß ihn das Thema langweilt. Es ist ja auch schon zwanzig Jahre alt.