FERNSEHEN GERNSEHEN

Eine Sommerserie (3)

Von Robin Detje

Das Leben ist ein Roman. (So heißt ein Film.) Ein Roman ist (so stelle ich mir das vor) ein Haus. Man kann sich einrichten darin. In einem guten Roman läßt es sich leben.

Bei uns zu Hause stand der Fernseher in einer Ecke des Wohnzimmers, weit weg von den Romanen. Wenn ich ganz leise die Tür aufzog, gerade so weit, daß im Spalt der Bildschirm sichtbar wurde, konnte ich fernsehen, ohne daß meine Eltern etwas davon merkten. Sie glaubten, ich läge längst im Bett. Ein "Tatort": Helmut Lohner wird in der Badewanne erschossen. Er hat viele Freundinnen, die alle nackt sind.

Ein Roman entsteht im Kopf. Man denkt sich ein Haus und bevölkert es mit Geschichten. Folgende Figuren bewohnten den Roman meines Lebens als Kind: erstens ein Geheimagent, der sich immer, wenn er Pillen nahm, in einen Superhelden im Glitzeranzug verwandelte, den sein Chef jedesmal bat, dieses Mal, bitte, bitte, nicht durch die Wand zu fliegen, der aber jedesmal durch die Wand flog und außerdem meistens mitten im Flug seine Superkräfte verlor und in einem Heuhaufen landete. Zweitens ein anderer, ziemlich dummer Geheimagent, der Maxwell Smart hieß, gegen die Agenten des "Chaos" kämpfte und ein Telephon in der Schuhsohle hatte, das immer in unangenehmen Augenblicken klingelte. Drittens (und eigentlich vor allen anderen) eine winzige, blonde, halbnackte Frau, die in einer kleinen Flasche auf dem Schrank in der Wohnung eines Astronauten lebte, aber sobald sie die Arme vor dem Körper verschränkte und mit den Augen zwinkerte, in einer Rauchsäule zu normaler Lebensgröße anschwoll und überhaupt zaubern konnte.

Sie hieß Jeannie und war meine erste Freundin jenseits der Familie. Manchmal konnte man ihren Bauchnabel sehen, und manchmal betrachtete ich meinen eigenen und wünschte, es wäre ihrer. Später lernte ich noch Percy Stuart kennen und den Kurier der Kaiserin und Paula, die einen schwarzweißgestreiften Jeep fuhr und in einer erotisch undurchsichtigen Beziehung zu Mark und einem Schwarzen stand, dessen Namen ich vergessen habe. Aber keine Bindung kann tiefer sein als die an die ersten wirklichen Freunde.