Von Matthias Naß

New York

Kaum hat der Besucher seinen Fuß in das Büro von Butros Butros-Ghali gesetzt, begreift er, warum die Mitarbeiter des UN-Sekretariats in der ständigen Furcht ihres Herrn leben. Wo denn eine bestimmte Zehn-Punkte-Erklärung bleibe, herrscht er seinen Pressesprecher an. Die habe die zuständige Abteilung erhalten. "Aber ich nicht", schnappt Butros-Ghali. Dann erst umrundet er. seinen Schreibtisch und wendet sich, jetzt voller höflicher Aufmerksamkeit, dem Gast zu.

Im Kairoer Außenamt, das er, wiewohl nur Vize-Minister, lange Jahre faktisch leitete, standen Butros-Ghalis Türen den Journalisten stets offen. Seit er aber im 38. Stock des Glaspalastes am East River residiert, macht er sich als Gesprächspartner rar. Auch Botschafter läßt er gern spüren, daß sie ihm aus seiner Sicht nur die Zeit stehlen. Er war es gewöhnt, mit ihren Chefs zu verhandeln. Dabei könne es auch ruhig bleiben, meint Butros-Ghali und greift zum Telephon, um sich direkt mit Ministerpräsidenten und Außenministern verbinden zu lassen, wenn es irgendwo brennt. Verabschiedet sich ein Botschafter aus New York, gewährt ihm der Generalsekretär in der Regel höchstens eine Viertelstunde. Einen asiatischen Missionschef fertigte er in anderthalb Minuten ab. Freunde macht er sich so nicht.

Den Bogen überspannt aber hat Butros-Ghali, als er sich jüngst in anmaßender Form mit dem Sicherheitsrat anlegte. Es ging um den Krieg im ehemaligen Jugoslawien, den der Generalsekretär, wie ein europäischer Botschafter berichtet, schon seit geraumer Zeit "das Vietnam der Vereinten Nationen" zu nennen pflegt, einen "Sumpf, in den wir mehr und mehr hineingezogen werden".

Bei der EG-Friedenskonferenz unter Leitung von Lord Carrington hatten sich am 17. Juli in London die jugoslawischen Kriegsparteien auf einen neuen Waffenstillstand in Bosnien verständigt. Um die Kampfpause zu sichern, sollte die Uno die Kontrolle über alle schweren Waffen in Bosnien übernehmen. Der Sicherheitsrat, gedrängt von seinem neuen starken Mann, dem britischen Botschafter Sir David Hannay, machte sich den Vorschlag noch am selben Tag zu eigen und verlangte von Butros-Ghali mit Zweitagesfrist einen Bericht, wie das Sekretariat die Kontrollaufgabe praktisch wahrzunehmen gedenke.

Da kam es zum Eklat. Butros-Ghali, der selbst nicht an der Sitzung des Sicherheitsrats teilgenommen hatte – er traf zum selben Zeitpunkt die griechischen und türkischen Führer Zyperns und führte anschließend ein Gespräch über das Embargo gegen Libyen –, schrieb einen patzigen Brief an den Präsidenten des Sicherheitsrates. Er sei dem Rat natürlich stets zu Diensten: "Gleichzeitig würde ich jedoch hoffen, daß meine Ansichten zu Gebieten eingeholt werden, die eindeutig in meine Kompetenz fallen."