Von Jan Feddersen

Kurz vor dem Frühstück sind Carlos und Jaime schon so erschöpft wie nach eines langen Tages harter Arbeit. Auch Stefania und Claudia schnaufen mit ihren Rucksäcken, als seien sie auf der Flucht – und nicht im Urlaub. Das Quartett ist mit dem Nachtzug aus Stuttgart gekommen, Interrail, "mit fünf Leuten im Abteil". Die Mailänderin Stefania betont es so heftig, daß jeder gleich versteht, dies ist ein Hinweis auf ihre beschwerliche Nacht. Drei Passagiere im Coupé, wissen eingefleischte Interrailer, sind optimal, "aber der Zug war überfüllt, keine Chance, bequem zu liegen", berichtet Carlos. Immerhin, sie haben überlebt.

Es ist sieben Uhr. Hoch über den Hamburger Landungsbrücken, 143 Treppenstufen vom U-Bahnhof entfernt, liegt das Ziel der beiden Italienerinnen und der Spanier: die Jugendherberge "Auf dem Stintfang". Jetzt heißt es: einen Platz sichern für die Nacht, duschen, Wäsche waschen, schlafen, genau in dieser Reihenfolge.

Im Haus summt es. Das Frühstücksbuffet ist aufgebaut, in den 16,50 Mark Übernachtungspreis ist das Morgenmahl enthalten, Kaffee oder Tee, ein Brötchen, Marmelade aus dem Eimer, eine Scheibe Wurst, ein Fladen Käse, auch Müsli ist im Angebot. Knapp 400 Jugendliche aus aller Welt haben in der vorigen Nacht am "Stintfang" geschlafen, die meisten in Achtbettzimmern, für Spätankommer wurden in einem der Tagesräume Notbetten aufgestellt. "Und für alle Fälle können wir noch Matratzen ausgeben", erklärt Herbergsvater Hartmut Remmers. Herzlos ist man nicht am "Stintfang", die letzten Reserven werden ausgeschöpft, damit niemand draußen vor der Tür bleiben muß. "Aber wenn wir voll sind, ist nichts zu machen", sagt Remmers.

Der 61 Jahre alte Mann, der von den meisten der 26 Mitarbeiter liebevoll-respektlos "Opa" genannt wird, leitet zusammen mit seiner Frau Margarete ("Oma") seit Anfang der siebziger Jahre die Großstadtherberge. 94 000 Übernachtungen wurden 1990 dort gezählt.

In der vorigen Nacht mußte niemand weitervermittelt werden an die Kollegen in Horn, wo die zweite Jugendherberge Hamburgs wartet. Dort will allerdings fast niemand hin, sie liegt fast an der Peripherie der Millionenstadt. Außerdem hat man’s am "Stintfang" näher zum Hauptbahnhof, zudem ist die Landschaft in Horn so anheimelnd wie eine Fußgängerzone bei Schmuddelwetter. Und ohnedies fehlt dort der Ausblick wie aus den Schlafzimmerfenstern am "Stintfang", direkt von oben herab auf den Hafen.

In den Frühstückssälen wird gemümmelt und gemampft, von Müdigkeit gezeichnet sind die meisten Gesichter, Einzelreisende sitzen einzeln und beste Freundinnen zusammen. Schweigend brüten einige über Kursbüchern, manche lesen im "Let’s go", der jährlich aktualisierten Bibel überseeischen Jugendtouristen. "Hamburg ist der Geburtsort von Brahms", steht dort geschrieben, auch, daß die Reeperbahn, Ovelgönne, die Speicherstadt und die Shoppingmeile zwischen Gänsemarkt und Hauptbahnhof locken.