Von Christoph Dieckmann

Berlin

Hinrichten. Alle, das ganze rote Gesocks. Sie sind sich einig, die beiden Damen im "Café Arkade", und vierteilen ihren Baumkuchen mit einer Sorgfalt, die sie wohl gern auch dem gewesenen SED-Politbüro angedeihen ließen. Töten, wem nützt denn das? "Unseren Gefühlen nützt das, junger Mann", sagt die eine, und ihre Freundin, mit Würde: "Man will doch innerlich zur Ruhe kommen."

Diese Ostberliner Szene ist über zweieinhalb Jahre alt. Ein paar Tage zuvor hatte das Fernsehen die Leichen von Nicolae und Elena Ceau-şescu angeliefert. Gerade noch, im Oktober 89, galt Honeckers Rücktritt als Inbegriff von Revolution, dann die Halbmillionen-Demo auf dem Alexanderplatz, dann der Fall der Mauer, dann der Sturm auf Wandlitz. Die Wirklichkeit entlief den Träumen, aber die Instinkte hielten Schritt. Erich und Margot: Irgend jemand sollte, irgend jemand müßte, irgend jemand hätte sie fast gelyncht, als Honeckers umziehen wollten, aus Pastor Homers Haus der Barmherzigkeit ins brandenburgische Lindow. Richtig mit dem Knüppel übern Kopf, das wär’s gewesen. Und dann: Ruhe, innerlich.

Heute tritt Brandenburgs Ministerpräsident vor die Presse, mit eben dem jovialen Lächeln, das, nicht gar zu lang ist’s her, auch dem Großen Sekretär zu eigen war. "Wir sehen Erich Honecker ohne Haß entgegen", sagt Stolpe – vox populi oder Potsdamer Pluralis majestatis? Viele Ostler verspüren auf Honecker durchaus noch kräftigen Haß. Den zu vermitteln, hätte das ARD-Team nicht bis Bautzen reisen müssen, vors "Gelbe Elend", den übelsten DDR-Knast für Politische. Immerhin, da hört man’s garantiert: "Honecker? An die Wand. Der hat mein Leben kaputtgemacht." Republikflucht, erwischt, jahrelang gesessen, raus als Krüppel fürs Leben. Wer Honecker schonen will, soll auch die Opfer zur Gnade überreden.

In Berlin, Honeckers verwöhntem Ostberlin, geht man die Sache gelassener an. "Na toll", sagt ein Mann obenhin, als der Westberliner Pop- und Plapperfunk Honeckers Anflug aus Moskau vermeldet. "Nach dem hab ick mir jrade jesehnt." Ostberliner Gespräche in diesen Tagen beginnen mit: "Was sagste zu Honecker?" und nehmen dreierlei Verlauf. Variante A: "Der alte Mann, genug bestraft." Was wirklich empört, sind wendige Exbonzen. Variante B (die Margot-Variante): "Sie war viel schlimmer." Variante C memoriert genüßlich Honeckers Staatsvisite in Bonn 1987 und freut sich auf ein gerüttelt Maß an Peinlichkeiten beim Prozeß. Und gehört E.H. vor ein Westgericht? Und hat man nicht andere Sorgen?

Verglichen mit Ceausescu, empfängt ihn die freundlichste aller möglichen Stimmungen: Erich – ein Sieger der friedlichen Wende. Die DDR-Zivilinstinkte kehrten lange vor ihm zurück: Landfriede, Besinnung, Ohnmacht, Ironie. Honi, seines Dämons verlustig, ist fest in der Hand der Satire. Sogar ein bißchen Narren Weisheit wird ihm zugestanden. "Der Westen", vor dem der Alte so nimmermüde warnt, zeigt seinen bösen Grind, von unseren Errungenschaften hätte mancher manches gern zurück, und viele kleine Leute erfahren sich als zur großen Freiheit nicht geboren.