Von Vera Graaf

Manche Kinogänger erinnern sich vielleicht: "Network" war der Titel eines der erfolgreichsten Filme des Jahres 1974. Das Drehbuch schrieb der Amerikaner Paddy Chayefsky, und offenbar handelt es sich bei diesem Autoren um einen Propheten.

"Wir können eine Serie machen", begeistert sich im Film der Boß einer Fernsehanstalt, "Selbstmorde! Erschießungen! Geistesgestörte Bombenleger! Mafia-Mörder! Massenkarambolagen von Autos! Die Todesstunde. Tolle Sonntagabend-Show für die ganze Familie."

Was damals noch wie eine Groteske erschien, ist inzwischen – wo sonst als im amerikanischen Fernsehen! – Wirklichkeit geworden. Die Fernsehanstalt NBC wird vom 16. August an die einstündige Sonntagabend-Show "I Witness Video" senden, in der das Publikum genüßlich verfolgen kann, wie Menschen sich aus brennenden Gebäuden stürzen, einander erschießen oder einander bespitzeln. Und dies nicht etwa im Rahmen der Nachrichten, die solche Bilder zur traurigen Routine machen, sondern als Unterhaltungsprogramm – mit Chips und Cola im Fernsehsessel. Das ist er, der Beweis, daß die Lust des Durchschnittszuschauers an Grausamkeiten aller Art von den Abendnachrichten nicht im entferntesten befriedigt wird.

"I Witness Video" kommt mit dem zusätzlichen Anreiz daher, daß diese Videos zum großen Teil nicht von professionellen Kameraleuten, sondern von Amateuren stammen – jenen Zeitgenossen, die offenbar immer und überall zur Stelle sind, wenn einer den anderen ausraubt, umbringt, verführt oder vergewaltigt. Es sind diese neuen Voyeure mit der Videokamera, die Programme wie "I Witness Video" möglich und erfolgreich machen. Einmal das eigene Video vom Atlantik bis zum Pazifik ausgestrahlt zu sehen – das ist der inzwischen erfüllbare Traum eines jeden US-Bürgers mit handlicher Camera. "Die Video-Revolution verändert die Welt", schwärmt Terri Landau, die Produzentin der TV-Novität. "Wir öffnen mit dieser Sendung ein Fenster in eine Welt, die sonst niemand zu sehen bekommt." Damit dies auch jedem klar wird, gibt sich "I Witness Video" dramatisch. Jede Sendung wird durch eine Art Synthesizer-Tusch eingeleitet, gefolgt von der dramatischaufgeregten Stimme eines Ansagers: "What you are about to see are shocking events ..." ("Was Sie gleich zu sehen bekommen, sind schockierende Vorfälle").

Eine der neuen Welten, die NBC uns eröffnet, ist das Feuer, das im vorigen Jahr große Teile von Oakland, California, zerstörte und das wir nun, gewissermaßen hautnah, miterleben dürfen. Der Zuschauer ist auch dabei, wie ein Sheriff, der eine Gruppe von Drogen-Dealern in eine Falle gelockt hatte, vor der Kamera von den Verbrechern erschossen wird. Eine andere Folge zeigt einen Täter auf der Flucht, der mit seinem Auto einen Fußgänger ummäht. Am Ende der Folge steht die Großaufnahme des zur Strecke gebrachten Flüchtigen, dessen Blut aus mehreren Schußwunden sickert. Doch nicht nur der Tod in Großaufnahme liefert Entertainment, auch die spannenden Momente vor dem Tod: ein Video zeigt eine schwangere Frau, die an der Fassade eines brennenden Gebäudes hängt – offensichtlich Augenblicke vor dem Absturz. Die Frage nach dem Sinn dieser Sendung erstaunt die Produzentin. "Wir hatten sehr positive Reaktionen auf unsere Pilotsendungen im Frühjahr", verteidigt Terri Landau NBC gegen den Vorwurf der exzessiven Grausamkeit und Sensationsmache. "Nicht alle unsere Sendungen zeigen so blutige Ereignisse."

Auf die Frage, was denn sonst noch so auf dem "I Witness Video"-Menü stehe, erfahren wir von einer versteckten Kamera, die Rowdies in einem Schulbus filmt. Ferner von einer Drogen-Festnahme in Florida mit anschließender Vernehmung der Täter. Harmlose Sequenzen, die in "I Witness Video" zur Erholung eingeklinkt werden.