ARD, Mittwoch, 29. Juli:

Honecker

Gleich zwei "Brennpunkte" schob die ARD auf Kosten Olympias ins Programm; auch "Tagesschau" und "Tagesthemen" waren ganz auf die Neuigkeit gestimmt: Honeckers Rückkehr nach Berlin. "Im Gefängnis", freute sich Jürgen Engert am Flughafen Tegel, "ist ein Zimmer frei."

Der zu erwartende Prozeß gegen die Elite der ehemaligen DDR mag von historischer, juristischer und symbolischer Bedeutung für das wiedervereinigte Deutschland sein, er wiid die Öffentlichkeit mit Sicherheit über Monate beschäftigen, erregen, spalten. Das bedeutet aber nicht, daß jede Fraktion dieser Öffentlichkeit in jeder Phase des Ereignisses zuständig ist. Es gibt eine Arbeitsteilung in der öffentlichen Reflexion des Zeitgeschehens, an die sich Journalisten und Redakteure der verschiedenen Medien normalerweise ganz von selber halten; kaum aber ist etwas Besonderes los, wollen alle alles machen. Das Fernsehen, das im Jahre 89 live dabei war, als der Eiserne Vorhang zusammenkrachte, und in dieser Frontfunktion von keinem anderen Medium eingeholt wurde, hat wenig zu melden, wenn es um Kniffel-Fragen wie nulla poena sine lege, politische Prozesse und die an Honeckers Abschiebung beteiligte Geheimdiplomatie geht. Es sei denn, es erfindet und pflegt hierzu eine eigene Form. Ulrich Meyers "Einspruch", einen Tag nach der Rückkunft Honeckers in Sat 1, zeigte mit dem kontroversen Großpalaver eine solche Form vor.

Der Frontberichterstatter aber im Ü-Wagen am Ort, das klappt nur, wenn am Ort in der Tat was geschieht. Der Flughafen Tegel als solcher ist nicht photogen. Ein russisches Flugzeug, das zur Landung ansetzt, und ein Polizeiautokonvoi, der herankreucht, haben den Show-Wert null. Es gab nur einen aufgeregten Jürgen Engert, der mit der Technik haderte:"... etwas duster auf dem Monitor .. .", sich ein ums andere Mal verhaspelte und mit dämlicher Selbstgerechtigkeit gegen den Alten, der ihn so lange warten ließ, blankzog. Hatte doch einst Honecker die westdeutsche Justiz mit dem Volksgerichtshof verglichen. "Der gute Mann scheint nicht zu wissen, was ein demokratischer Rechtsstaat ist." Um solcher Konklusionen willen baut man das Programm um und spielt mit "Brennpunkt" Sensations-TV!

Die Unzuständigkeit der Kamera für das Ereignis: Honecker kehrt zurück, zeigt indirekt, was es mit diesem Ereignis auf sich hat. Es ist für sich selbst nicht besonders wichtig, es zählt eher als Auftakt für die Prozesse, die ins deutsche Haus stehen, zählt als Zeichen für den Verfall letzter Solidaritätsreste im ehemaligen "sozialistischen Lager" und als Symbol für die wiedererlangte Souveränität Deutschlands. "Brennpunkte" sind solchen Themen kaum gewachsen, und es wäre besser gewesen, wenn die Programm verantwortlichen in der ARD sich das vorher überlegt und sich auf eine ausführliche Berichterstattung in den normalen Nachrichtensendungen beschränkt hätten. Womit sich Fernsehen unbeliebt macht, das ist der Lärm um nichts, das Getue um vorgeblich historische Stunden und Stätten, an denen dann doch nichts passiert oder im entscheidenden Augenblick der Strom ausfällt. Fernsehen hat hervorragende Möglichkeiten, den Fall Honecker auf seine Weise zu inszenieren, es muß nicht gleich auf den "Live-dabei"-Abenteuerspielplatz ausrücken, wenn mal ein Flugzeug landet. Barbara Sichtermann