Von Helga Hirsch

Osijek

Es dunkelt bereits, als der Schnellzug aus Zagreb in Osijek einläuft, aber kein Licht weist dem Besucher den Weg. Wie ein schwarzer Schlund zieht sich die Radiveća-Straße durch Häuserfronten mit abgesprungenem Putz und abgeschlagenen Putten, vorbei an Fenstern mit blinden Plastikfolien und Kellerausgängen, vor denen sich noch immer Sandsäcke stapeln. Wer sich hier nicht auskennt, stolpert über die Einschlaglöcher, die Granatsplitter in den Teer der Gehwege rissen. Der Fremde sucht vergeblich nach Straßenschildern und ist dankbar für den Einheimischen, der ihn zum Hotel führt.

Doch welch überraschendes Bild bietet sich dort: An einer großen offenen Feuerstelle dreht sich ein ausgewachsener Stier am Spieß. Auf der hell erleuchteten Terrasse vergnügt sich eine Gesellschaft, die ein Conferencier animiert: "Tut Gutes, um Gutes zu schaffen!" Mit dem Geld, das Osijeker Bürger hier für Grand-Marnier-Pralinen, Lego-Bausteine und andere westliche Exklusivwaren spenden, werden Kinder aus den besetzten Gebieten unterstützt. Seit zwei Monaten wird Osijek nicht mehr beschossen, nun gilt es, die Folgen von neun Monaten Belagerung und Vertreibung zu mildern. Der Krieg scheint vorbei – oder macht er nur eine Pause?

Seit fast einem Jahr hat Kroatien die Kontrolle über ein Viertel seines staatlichen Territoriums verloren, seither warten 300 000 vor den Serben geflüchtete Kroaten darauf, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Sie krochen bei Verwandten und Freunden unter. Doch die Geduld der Gastgeber und ihrer Gäste geht langsam zu Ende.

"Nehmen Sie als Beispiel nur unser Mietshaus in der Vukovarska 126 A", meint die Englischlehrerin Ljerka R. "Zu dem jungen Pärchen im dritten Stock kamen die Mutter, die Tante und die Nichte der Frau; jetzt leben fünf Personen in der Zweizimmerwohnung. Eine Wohnung im zweiten Stock wurde an sechs Vertriebene aus Baranja vermietet. Im Erdgeschoß nahm ein Ehepaar fünf Verwandte, im Souterrain eine vierköpfige Familie eine ebenfalls vierköpfige Familie auf. In der einen Zweizimmerwohnung leben seit zehn Monaten nun sieben, in der anderen acht Personen. Wie lange geht so etwas gut?" Osijek mit seinen 100 000 Einwohnern beherbergt seit dem Krieg 30 000 Bürger mehr.

"Wir warten und warten und warten", sagen die Frauen, die im Studentenheim Sjenjak untergebracht sind und sich die endlosen, öden Tage mit Stricken und dem Austausch neuer Nachrichten aus den besetzten Gebieten vertreiben. Als die Unprofor (United Nations Protective Forces) im März in die Baranja einzogen, schien die Rückkehr schon zum Greifen nah. Denn der Plan des UN-Vermittlers Cyrus Vance sieht neben der Demilitarisierung der Zone auch ausdrücklich die Rückführung der Vertriebenen vor. Doch längst sind sich die Frauen einig, daß Blauhelme, die sie als Retter begrüßten, auf die Seite des Feindes übergelaufen sind.