"Morgens um Viertel vor elf standen serbische Polizisten vor meiner Tür und befahlen, das Haus bis elf zu räumen." Eigentlich war der fünfzigjährige Milan aus dem nur acht Kilometer von Osijek entfernten Tenja entschlossen, seine Heimat nicht zu verlassen, auch wenn dort jetzt die Serben das Sagen haben. Aber dann wurde er Mitte April mit 96 weiteren Landsleuten zwangsweise ausgesiedelt. "Ein Bus brachte uns bis zum Ortsausgang. Dann mußten wir allein weiter – durch das ein Kilometer breite Minenfeld, das uns noch von der kroatischen Seite trennte."

Von den serbischen Polizisten hatte Milan kein anderes Verhalten erwartet, doch was ihn bis heute wütend und bitter macht: "Die Unprofor sahen die ganze Zeit zu und unternahmen nichts dagegen." Die acht Frauen, die es sich auf umgekippten Limonadenkisten auf der Wiese mäßig bequem gemacht haben, pflichten ihm sofort bei: Für wen, wenn nicht für die Serben, kaufen UN-Soldaten Dutzende von Zigaretten-Stangen, für wen ist das Benzin in Kanistern, wo sie selbst doch ungehindert in Osijek tanken können?

Trotzdem: Mit den Blauhelmen hat sich die Lage gebessert. Das schwere Kriegsgerät ist weitgehend eingezogen, ohne Lebensgefahr spazieren die Osijeker wieder am Ufer der Drau und baden unter der eingestürzten Brücke. "Die Unprofor-Truppe erledigt die Aufgaben professionell und gut", muß Marko Kvesić, der kroatische Regierungsbevollmächtigte für die Region Baranja, deshalb auch einräumen. Aber es gehe alles viel zu langsam, "die UN-Schutztruppe ist schon vor drei Monaten gekommen, und wir sitzen immer noch hier".

Die Zeit arbeitet unbarmherzig gegen die Flüchtlinge. Für die 25 000 vertriebenen Kroaten und Ungarn aus der Baranja, schätzt Kvesić, seien inzwischen 20 000 Serben nachgerückt. Fehlt Wohnraum für sie, werden weitere Kroaten aus ihren Bauernhöfen, Weinbergen und Häusern vertrieben. Gegen diese ethnische Säuberung sind die UN-Vertreter genauso machtlos wie gegen den Transport von landwirtschaftlichen Produkten und ganzen Industrieanlagen aus den besetzten Gebieten nach Serbien, mit der das Embargo unterlaufen wird. "Deswegen", sagt Marko Kvesić, "habe ich mich an Butros-Ghali gewandt."

"Die Vertriebenen zweifeln am Erfolg der Unprofor-Operation", schrieb der Regierungsbevollmächtigte der kroatischen Regierung für den Distrikt Beli Manaster an den UN-Generalsekretäi in New York. "Sie fragen sich, ob die Uno wirklich wünscht, daß die Vertriebenen nach Hause zurückkehren." Jetzt will Kvesić ein Exempel statuieren. Ende August oder Anfang September werden sich die Bewohner von sechs kroatischen und drei ungarischen Dörfern demonstrativ auf den Weg in ihre Heimat machen. Dann werde sich erweisen, ob die Unprofor den Schutz der nicht-serbischen Bevölkerung übernehmen oder sie schon an der Übergangsstelle zurückweisen.

Das sei zwar eine gute Aktion, befinden die Frauen auf der Wiese vor dem Studentenheim Sjenjak. "Aber wir müssen doch alle im Sommer zurück, um die zerstörten Häuser für den Winter zu rüsten."

Nur wie könnte das geschehen? Würden sie sogar einen Krieg gutheißen, wenn er ihnen die Heimat zurückgäbe?