Moskau

Von Christian Schmidt-Häuer

Keine russische Dorfprosa, nur ein kurzer Brief zum großen Sterben. Eine Bäuerin schreibt einer Stadtbewohnerin, daß sie sich selbst von der Realität auf dem Lande überzeugen soll:

"Guten Tag, Marija Iwanowna! Es grüßen Sie Lida und Witja. Wir haben Ihren Brief erhalten und beantworten ihn sofort. Sie fragen, was es für Neuigkeiten bei uns gibt. Klawdija Iwanowna in ihrer Hütte starb vor drei Jahren. Mitja starb noch früher. Die Hütte bekam Nastja Dedjakina, die sie für fünfhundert Rubel an einen Fremden verkaufte. Marfa Nikititschna starb vor anderthalb Jahren, ihr Sohn Sascha starb auch. Sinaida Petrowna lebt mit dem Stiefsohn. Sascha Agarijewa starb vor zwei Jahren. Rosa Iwanowna lebt gut, arbeitet nicht, säuft. Ihr Sohn lebt in Kursk. Tanja lebt jetzt in ihrer Hütte, hat einen Sohn. Der Schwiegersohn ist schon alt, säuft viel.

Im Kolchos ist alles wie früher; der Vorsitzende ist derselbe. Kol Palytsch starb, war nicht krank (Herz). Sanjok starb, Klawa starb. Wanja ist sehr schwach, man bereitet sich auf seine Beerdigung vor. Walentin Mitjajew starb im vorigen Frühling, war nicht krank. Petja Strigalkin starb, war nicht krank (im Herbst). Das sind alle Neuigkeiten. Wir leben allein. Alle Kinder sind in Kursk. Ich bin schon Rentnerin, Witja arbeitet das letzte Jahr. Im Dorf sind alle Rentner. Wenn Sie wollen, kommen Sie zu uns. Sie werden alles selber sehen, werden bei uns wohnen, wir haben genug Platz. Sie wissen ja Bescheid. Auf Wiedersehen. Schreiben Sie uns!"

Lidas Brief kam vor zwei Jahren. Marija Iwanowna muß jetzt nicht mehr hinausfahren auf das rettungslos verlassene Dorf. Viele Städter haben heute den existenziellen Untergang selber vor Augen. Es werden immer mehr, aber es sind doch längst nicht alle. Rußland ist groß, und für manche ist die Katastrophe noch weit. In einer bisher geschlossenen Stadt, die im Südural für die Rüstungsindustrie arbeitet, fragten jüngst Einwohner, die noch nie einen westlichen Journalisten gesehen hatten, was es denn mit der merkwürdigen Hungerhilfe auf sich habe. Sie selbst haben ihr Auskommen, das ganze Gebiet lebt vom Tausch mit den benachbarten Landwirtschaftsregionen – Lastkraftwagen und Ersatzteile gegen Getreide und Gemüse. Normalno, normalno, es läuft ganz leidlich, Rußlands Sorgen sind nicht die ihren.

Doch für Rußland insgesamt gilt: Seit dem vergangenen Jahr sterben mehr Menschen als geboren werden. Der Zusammenbruch von Versorgung und Gesundheitswesen läßt Mütter- und Säuglingssterblichkeit hochschnellen. Neun von zehn Kindern leiden an Ernährungsmängeln. Die Alten, von der Inflation aller Ersparnisse beraubt, müssen oft schon ihre letzte Habe an Fremde verkaufen. Fünfhundert Rubel sind heute keine Hütte mehr wert, sondern nur noch ein paar Kilo neuer Kartoffeln. Zehntausende haben plötzlich Verwandte im Ausland: Russen, die in Litauen und Moldawien, der Ukraine und Tadschikistan leben, insgesamt 25 Millionen. Tausende verlassen täglich ihre Heimat – aus dem Gürtel der Apartheid gegen russische Minderheiten, der sich vom Baltikum bis Mittelasien zu schließen droht; aus den Sarajewos des Südens; aus den verstrahlten Randzonen der früheren Testgebiete.