Nachrufe dienen meistens hauptsächlich einem Zweck: dem Hingeschiedenen noch ein paar nette, schmeichelhafte Worte mit auf den letzten Weg zu geben. In diesem Fall gilt es, eine Verstorbene zu würdigen, die zu Lebzeiten hauptsächlich Fachleuten bekannt war, deren Einfluß in der deutschen Reisewelt aber deutliche Spuren hinterließ. Die Rede ist von der Arbeitsgemeinschaft "Tourismus mit Einsicht". Sie nahm sich mit ihrer Selbstauflösung vor kurzem das Leben.

"Tourismus mit Einsicht", das war die lockere Gemeinschaft unterschiedlichster Gruppierungen der Tourismuskritik: Dritte-Welt-Gruppen, Frauenzirkel, antirassistische Arbeitskreise, der Bund Naturschutz und der zur Zeit ebenfalls angeschlagene Studienkreis für Tourismus gehörten dazu. Seit 1984 spielten sie vor allem auf der weltgrößten Nabelschau der Urlaubsindustrie, der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin, den kritischen Gegenpart.

Mit intelligent gestalteten Ständen, Gegenveranstaltungen und Diskussionsforen trugen sie, nicht immer frei von persönlichen Eitelkeiten, häufig polemisch und immer kompromißlos ihre Anliegen vor. Sie hinterfragten die negativen Folgen des Reisebooms, die Auswirkungen des Massentourismus.

Stets verbunden mit einem gehörigen Schuß Gesellschaftskritik, entwickelten sie Utopien einer "besseren" Urlaubs- und Arbeitswelt. Sie füllten den Begriff des "sanften Tourismus" und das Leitbild vom "umweltverträglichen und sozialverantwortlichen Reisen" mit Inhalt. Ernst genommen wurden sie von den Reiseprofis lange nicht.

Erst als die Belastungen der Umwelt durch den Tourismus immer offensichtlicher wurden, als Themen wie Ozonloch, Treibhauseffekt oder Katalysator die öffentliche Diskussion bestimmten, waren Ende der achtziger Jahre auch im Geschäft mit dem Reisen ökologische Parolen und Strategien gefragt. Als sie merkten, daß mit umweltfreundlichen Angeboten Geld zu verdienen war, wurden Veranstalter, Dörfer, Städte, ja ganze Regionen plötzlich grün.

Der "sanfte Tourismus" mutierte zum meistdiskutierten Schlagwort der Branche, zum Etikett, das sich inzwischen fast jeder ans Revers heften will. In den Hotels hängen Klorollen aus Recyclingpapier neben der Toilette mit der Spülstopptaste, verschwinden die Einwegportionen vom Frühstückstisch, werden die Handtücher nur noch auf ausdrücklichen Wunsch täglich gewechselt.

Der Branchenriese TUI hat sich einen Umweltbeauftragten zugelegt, Jahr für Jahr kürt der Deutsche Reisebüroverband das umweltfreundlichste Tourismusprojekt, Blaue Flaggen an Europas Stränden sollen unbedenkliche Wasserqualität suggerieren.