Weil das Kartenschreiben billiger war als das Telephonieren, schickte Onkel Eduard, so geht die Geschichte, eine Postkarte an seinen ungeliebten Schwager mit der Aufforderung: "Bitte mal anrufen!" Heute lohnt nicht nur das nicht mehr, heute kommen auch keine von vorne bis hinten und oben bis unten vollgeschriebenen oder -getippten Karten mehr an (mit denen sollte das Briefporto reduziert werden), sondern nur noch bunte, teure Brummer aus fernen Landen. Als Kontrastprogramm zu dieser Multicolor-Vista-Vision-Gesellschaft versteht sich der kleine Verein der Freunde der Schwarz-weiß-Postkarte e.V.: Motive aus der Frühzeit der Photographie sind hier ebenso geschätzt wie Szenarios aus der Spätzeit des Bürgertums, auch sogenannte Liebhaberaufnahmen oder – aber wir geraten ins Schwärmen!

Wo es doch so ernst zugeht in dem so heiter anzuschauenden Bildband "Die Künstlerpostkarte – von den Anfängen bis zur Gegenwart", der als Publikation zu einer Ausstellung erschienen ist, die im Altonaer Museum in Hamburg begonnen hatte und jetzt bis zum 13. September im Deutschen Postmuseum in Frankfurt zu sehen ist. Hier nämlich soll die Künstlerpostkarte nobilitiert werden zu einer "eigenständigen Gattung" der "Kunst der Moderne" und als "Kommunikationsinstrument". Schon recht. Und bei dem Konzept-Künstler On Kawara ist der tägliche Postkartenversand in der Tat Teil des geplanten Gedanken-Kunstwerks und damit eine über einen langen Zeitraum hinweg verfolgte Aktivität in eigener Sache. Zu deutsch: Mail-art. Aber: kein Gruß, keine Dialog-Fetzen, kein Scherz, kein Ernst, keine Liebe, keine Bosheit in Richtung auf einen anderen Menschen gibt es hier. Alles das aber war die Künstlerpostkarte auch einmal und kann sie auch heute noch sein, wie man zum Beispiel von Horst Janssen, einem fanatischen Kartenzeichner, bis zu James Lee Byars sehen kann. Aber das sind die Ausnahmen. Denn der Künstlerpostkarte ist es so ergangen, wie der Postkarte und dem Brief: Warum noch zum Briefkasten gehen, wenn man sich einen faxen kann. Und vielleicht hätte man hier, als Ausblick in die Zukunft, die bereits begonnen hat, ein paar Künstlerfaxe einbeziehen sollen (David Hockney ist da ein Großmeister), anstatt, um die postkartenfaule Gegenwart zu retten, sich von Sol Lewitt oder Jenny Holzer magere Ersatz-Kartengrüße an die Museumsadresse schicken zu lassen. Die wahren, wunderbaren Postkartenzeiten, nämlich Dada und Expressionismus, sind hier aber auf das schönste präsent. Die gezeichneten, getuschten, collagierten und geschriebenen Zwischendurch-Botschaften von Heckel und Kirchner, Hannah Hoech und Raoul Hausmann, Feininger und Marc und vielen anderen stimmen so fröhlich und so melancholisch wie jedes "Es war einmal". Petra Kipphoff

  • Die Künstlerpostkarte

Prestel-Verlag, München 1992; 225 S., 86,– DM