Von Gunhild Lütge

Innerhalb weniger Stunden zerstörten drei Weltkonzerne ein sorgsam gepflegtes Feindbild. Fast ein Jahrzehnt lang hatten Vertreter aus Politik und Wirtschaft die japanische Gefahr beschworen. Und dann diese Sensation: Der amerikanische Computerchampion IBM und der deutsche Elektroriese Siemens verbünden sich mit dem japanischen High-Tech-Rivalen Toshiba. Sie wollen gemeinsam die übernächste Generation eines Speicherchips entwickeln. Die Mega-Allianz ist zwar die spektakulärste, allerdings längst nicht die einzige Kooperation quer über den Globus.

Der Trend zur Konzentration ist das Resultat einer Entwicklung, die auch in anderen Branchen zu grenzüberschreitenden Initiativen führt. Flugzeugbauer sehen sich ebenso dazu gezwungen wie Computerproduzenten. Und selbst in der Kosmetikindustrie wächst der Druck, sich mit Erzrivalen zu verbünden. Als Vorreiter in einer Technologieschlacht nährt die Elektronikindustrie einen Verdacht: Werden am Ende nur noch einige wenige Konglomerate den gesamten Weltmarkt beherrschen?

Die großen Konzerne sehen sich zur Kooperation gezwungen, weil sie sich dem Risiko des selbst forcierten Fortschritts allein nicht mehr gewachsen fühlen. Die Chipindustrie steckt mittlerweile weltweit in diesem Dilemma. Angetrieben von der japanischen Konkurrenz, präsentiert sie etwa alle drei Jahre eine neue Chipgeneration, deren Speicherkapazität jeweils um ein Vierfaches höher liegt als die ihrer Vorgänger. Das rasante Tempo läßt die Kosten für Entwicklung und Produktion geradezu explodieren – und sorgt zugleich dafür, daß sich der Markt immer schneller den Grenzen des Wachstums nähert. Nur um die abgesetzte Stückzahl bei den Chips halten zu können, müssen die Hersteller mit jeder neuen Generation also die vierfache Kapazität vermarkten. So gut aber gehen die Geschäfte mit jenen Produkten nicht mehr, in die die Elektronik eingebaut wird.

Vom Ein-Megabit-Chip, dem Renner in den achtziger Jahren, dürften im Spitzenjahr etwa eine Milliarde Stück verkauft worden sein. Möglicherweise bleibt das der Höhepunkt in der Absatzgeschichte aller Speicherchips, den keine nachfolgende Generation jemals mehr erreichen wird.

Mittlerweile gelten ihre intelligenten Pendants, kundenspezifische Schaltungen (Asic), die ganz nach den Bedürfnissen der Auftraggeber maßgeschneidert werden, als der Hoffnungsträger der Branche. Doch weil beide Chiptypen schier unauflöslich voneinander abhängen, sehen sich die Hersteller vor einer paradoxen Situation: Sie sind zum Fortschritt bei den Speichern gezwungen, selbst wenn der Markt wegbricht. Und das verschlingt viel Geld.

Ganz besonders fatal wirkt sich das beim deutschen Elektronikunternehmen Siemens aus. In einer zwar verspäteten, aber nahezu beispiellosen Aufholjagd seit Mitte der achtziger Jahre ist es den Münchnern gelungen, den Vorsprung der Japaner bei den Speicherchips aufzuholen. Im "Club der wenigen Unternehmen, die diese Technologie beherrschen", wie sich der demnächst scheidende Siemens-Chef Karlheinz Kaske einmal ausdrückte, gilt das Unternehmen inzwischen als geschätzter Partner. Und: Siemens ist heute tatsächlich der einzige europäische Chiplieferant mit D-RAMS im Programm, so der Name des gängigsten Typs von Speicherbausteinen. Doch das brachte Siemens nicht mehr ein, als seinen guten Ruf. Etwa 3,5 Milliarden Mark sind als Investition in das ehrgeizige Megaprojekt geflossen. Rund zwei Milliarden Mark setzt der Elektromulti mit den Halbleitern um – und schreibt dabei horrende Verluste. Mehr als 500 Millionen Mark dürften die Münchner allein in diesem Jahr auf dem turbulenten Markt verlieren.