Von Erwin Kopp

Johannesburg

Die Kinder in Chikuwu haben ihre Zukunft bereits hinter sich. Die Neunjährigen gleichen dürren Winzlingen, alle sind unterernährt, viele krank. Nur die Kräftigsten werden die Regenzeit im November erleben. Aber wer in dem Hundert-Seelen-Dorf im Nordwesten Südafrikas glaubt noch daran, daß dieser Trockenzeit wirklich der große Regen folgt? Nach sieben Monaten extremer Dürre, nach nur acht Millimeter Niederschlag, nach vierzig Grad Hitze in den normalerweise feuchten Monaten Januar und Februar haben viele die Hoffnung fahrenlassen.

Allein die Neugier treibt die Kinder an diesem Tag vor die Rundhütten. Langsam und scheu schlurfen fünf kleine Gestalten auf den Besucher zu. Kein Kind johlt, keines winkt, keines drängelt. Ihre Antworten sind nicht trotzig, sie sind verzagt. "Wir tun nichts", sagt ein Junge. Was sollten die Kleinen auch tun? Schulunterricht findet nicht mehr statt, Fußballspielen ist nur noch Erinnerung. "Viehhüten?" Die Rinder sind bis auf die Knochen abgemagert, trotten müde herum, fressen Cellophantüten. Unverdaut hängt eine hellblaue Tüte aus einem verwesten Kadaver, daneben liegen Dutzende von Knochen. "Feldarbeit?" Die Ackerböden sind ausgedörrt und steinhart. "Erntearbeit?" Es gab in diesem Jahr nichts zu ernten. "Hausarbeit?" Die Zierkakteen sind vertrocknet, die kleinen Gemüsegärten in der Sonne verbrannt.

"Das Leben steht still", sagt Johann, "es mangelt an allem": an Nahrung, an Kleidung, an Wasser. Danach müsse jetzt über fünfzig Meter tief gebohrt werden. Der 32jährige ist von Beruf Agraringenieur. Er arbeitet im Venda für das private Hilfswerk "Operation Hunger". Wunder erwarten die Notleidenden von ihm nicht, Hilfe allemal: Petroleum für die Funzeln, Schmieröl für die Wasserpumpe (obwohl kaum noch Wasser kommt), warme Decken, Pillen gegen Durchfall, Lebensmittel.

"Es sieht verdammt mies aus", sagt Johann scharf. Wegen der Dürre? "Nein, nicht wegen der Dürre allein!" Mit klirrender Stimme erklärt er die Lage. Südafrika zähle knapp dreißig Millionen Einwohner, darunter zwanzig Millionen Schwarze. Über die Hälfte der Schwarzen lebe auf dem Land; insgesamt habe Pretoria der schwarzen Bevölkerungsmehrheit jedoch nur dreizehn Prozent des Landes zugeteilt. Daß es sich dabei nicht um die ertragreichsten Böden gehandelt habe, verstehe sich von selber. "Gutes Land hatten die schwarzen Bauern bis zu den land acts von 1913 und 1936; danach wurden sie vertrieben und zur Arbeit in Minen und Fabriken gezwungen."

Seit dem Ende der Apartheid können die Schwarzen ihr Land zurückfordern. Doch das Interesse ist gering – es fehlt an Arbeitsgerät, und die Dürre ist nicht gerade ermutigend. "In den Homelands rächt sich bitterlich, daß sich dort nach 1948, nach der Umsiedlung der Schwarzen, keine weiße Regierung um die Bauern geschert hat."