In den USA treibt bis heute primär die Rüstung die Technik voran. In Japan hingegen ist es der Markt für Konsumgüter. Das japanische Modell scheint besser in die Zeit nach dem Ost-West-Konflikt zu passen. Doch es gebiert neue Fehlentwicklungen.

Ein derzeit vieldiskutierter Essay aus der in Tokio erscheinenden Zeitschrift Techno Japan vergleicht die amerikanische Technikentwicklung mit der japanischen. Er beginnt mit einem Beispiel aus dem Zweiten Weltkrieg. Zu Kriegsbeginn investierte Japan viel Kraft in den schnellen Aufbau seiner Rüstung. Bald jedoch machte sich das Fehlen einer zivilen Großindustrie bemerkbar. Die Fabriken konnten erstens keine großen Stückzahlen produzieren, und zweitens funktionierten zum Beispiel ihre hochpräzisen Maschinengewehre zwar hervorragend im Schießlabor, nicht aber unter den Bedingungen des Krieges. Der Primat des Militärischen, heißt es in Techno Japan, könne wohl Innovationen erzwingen, doch Technik brauche darüber hinaus die massenhafte Produktion und Anwendung. Just darauf habe sich die Technikpolitik Japans nach dem Kriege gerichtet.

Ein Beispiel sind Elektronik-Chips auf der Basis von Galliumarsenid (GaAs-Chips). Sie wurden im Westen zunächst in kleiner Zahl für Militär- und Raumfahrtzwecke konstruiert. Als japanische Firmen begannen, die superschnellen Elemente in ihre Videorecorder hineinzulöten, explodierte die Nachfrage nach den Chips. Für Videorecorder sind GaAs-Chips eigentlich unnötig, doch das kümmerte Japans Industrielle nicht. Sie ersannen Verfahren, mit denen sich zufriedenstellende GaAs-Chips billig und in großer Zahl herstellen lassen. Heute ist Japan der internationale Marktführer für GaAs-Chips, auch für diejenigen, die in US-Raketen Dienst tun.

In Japan wird neue Technik für Massenmärkte entwickelt. Die japanische Hausfrau kann einen Mikrowellenherd kaufen, dessen neuartige Wärmesensoren sich sonst nur in amerikanischen Interkontinentalraketen finden. Jedes Jahr kommen 1,5 Millionen solcher Herde auf den Markt. Wer wird wohl mehr Erfahrungen mit diesen Sensoren sammeln: amerikanische Raketentechniker oder japanische Küchenspezis?

Soweit die Argumente für den japanischen Weg. Sie klingen gut. Aber können wir uns wirklich keine sinnvolleren Zwecke für zivile Spitzentechnik vorstellen als High-Tech-Nonsens in Küchen, Wohnzimmern und auf Autobahnen?

Wer sich bei Experten umhört, kann zum Beispiel eine lange Wunschliste für notleidende Länder zusammenstellen. Sie enthält unter anderem brennstoffsparende Kochherde und Bäckereien; angepaßte Transportsysteme und Logistik; sonnenstromgetriebene Kühlketten; leicht zu benutzende und zu wartende Informationssysteme für Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure und Umweltschützer. Viele solche Produkte müßten in großer Stückzahl produziert werden und sich sodann unter oftmals harten Bedingungen technisch bewähren.

Gewiß, die Entwicklungshilfe ist kein rein technisches Problem, ebensowenig wie der Umweltschutz. Aber Umweltschutz und Entwicklungshilfe bedürfen dringend adäquater Technik. Und die muß vielfach erst entworfen, erprobt und demonstriert werden.

Eine kleine Schar von Forschern und Ingenieuren in den reichen Ländern arbeitet an derartigen Projekten. Humane Technikpolitik sollte sich ihrer annehmen. Denn für das Wohlergehen der Menschen sind diese Techniken wichtiger als prozessorgetriebenes Hähnchenbraten oder hochauflösende Fernsehzerstreuung. Gero von Randow