BERLIN. – Ein Zeitungstod der besonderen Art. 31 Monate nach der „Wende“ hat die Berliner Wochenzeitung die andere ihr Erscheinen eingestellt. Aber keine Krokodilstränen obsiegender Konkurrenten begleiten ihr Verschwinden, und auch kein Marktsegment wird frei. In den Kurzmeldungstodesanzeigen der Tageszeitungen klingt vielmehr ein Ton des unbekannten Verlustes an. Die Geschichte der anderen war eine Geschichte von Totsagungen und Hoffnungen. Sie war die erste freie überregionale Zeitung der DDR. Am 21. Januar 1990 startete sie mit einer Auflage von 100 000, produziert ohne eigene Technik, gewissermaßen ein Samisdat-Produkt auf dem freien Markt. Die abrupte Wende von solidarischer Nähe zum fraktionellen Streit und die bitteren Konflikte der Bürgerrechtler um die Alternative zwischen Basisbewegung oder Parteiorganisation vor der DDR-Wahl 1990 spiegelten sich in der Geschichte der anderen wider, eher direkt als journalistisch. Das Finanzierungsloch, das jetzt zur Einstellung führte, ist für den Herausgeber Klaus Wolfram jedoch „nur Anlaß“. Für ihn ist ein politisches Projekt gescheitert: Die andere sollte „gegen den Differenzierungsprozeß der Bürgerrechtsbewegung kämpfen“. Und: „Ihrem Zerfall mußten wir uns beugen.“ Angesichts eines derartigen Anspruchs ist dann der Stolz auf die „Arbeit gegen die Geschichte“, die immerhin zweieinhalb Jahre dauerte, ebenso logisch wie der Mangel an guten Redakteuren.

Ihr größter Erfolg (und das größte finanzielle Desaster) war der Abdruck der Gehaltslisten der Stasi der oberen Zehntausend der DDR. Vierzehn Ärzte des Stasi-Sportclubs SV Dynamo klagten auf „üble Nachrede“. Ergebnis: Der Herausgeber Wolfram sieht sich einer Forderung von 200 000 Mark an Ordnungsgeldern und Gerichtskosten gegenüber. Diesem Versuch, an die Radikalität der Bürgerrechtsbewegung anzuknüpfen, steht die zunehmende Funkstille zwischen der anderen und dem Bündnis 90 und insbesondere der Bundestagsfraktion gegenüber. Für Konrad Weiß oder Gerd Poppe war sie schon lange kein Ort der Auseinandersetzung mehr. Bärbel Bohley beklagte sich in ihrem Hilferuf an den anonymen Geldgeber über ihren Mitherausgeber Jens Reich, der „auch lieber in der ZEIT seine Kolumnen geschrieben“ habe. Reich seinerseits meinte, daß am Ende im Freundeskreis die andere nicht als Zeitung, sondern aus Solidarität gekauft wurde. Aber Solidarität als Marketing-Konzept? Zum Schluß war die Auflage auf 4000 Exemplare gefallen. „Unsere Themen waren nicht immer mitreißend“, schreibt Bärbel Bohley, „aber sie waren echt.“ Das Wort „echt“ – ein O-Ton – kann vielleicht dem Westdeutschen das Anderssein der anderen erklären: ein Reflex jener politischen Bewegung, die sich 1989 um den Begriff der politischen Glaubwürdigkeit scharte. Klaus Hartung