Von Ulrich Schiller

Zwanzig Prozent aller amerikanischen Arbeitskräfte sind "funktionelle Analphabeten", behauptet Lester Thurow. Was Thurow, der als Sozialwissenschaftler so respektiert ist wie das Massachusetts Institute of Technology, dem er als Dekan angehört, als "funktionelle Analphabeten" definiert, sind Menschen, die kaum das Niveau der fünften Volksschulklasse erreicht haben und dort stehengeblieben sind. Die Vergleichszahl für Japan, laut Thurow: ein Prozent.

Den Bildungs- oder Ausbildungsstand einer Nation mit ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit in Zusammenhang zu bringen ist für eine Versammlung von Managern gewiß eine angemessene Perspektive. Sie kann indessen nicht die einzige sein. Madeleine Green vom American Council on Education, einem Dachverband höherer Lehranstalten, empfindet denn auch das Argument der Wettbewerbsfähigkeit als einen abgegriffenen und zu klein gemünzten Slogan. Die engagierte Pädagogin überlegt: "Wir müssen die junge Generation in den Stand versetzen, dem Tempo des Wandels der Gesellschaft intellektuell gewachsen zu sein."

Wer sich unter College-Professoren umgehört hat, weiß, was gemeint ist: Sie raufen sich die Haare über das Niveau von Bildung und Wissen, das die College-Erstsemester von der High School mitbringen. Apathie ("Sie lesen nicht mal die Ortszeitung"), geringe Aufmerksamkeitsspanne ("Sie haben zu viel TV gesehen"), pure Zweckorientierung ("Sie machen nur, was Punkte oder Scheine bringt"), das sind die Stichworte, wenn die Professoren die Haltung der Erstsemester charakterisieren. Madeleine Green verdeutlicht die Lage mit der Feststellung, das Lesevermögen amerikanischer High-School-Absolventen liege im Durchschnitt auf dem Niveau der siebten Klasse. Wenn aber die Lehrergebnisse der Oberschulen so ungenügend und unbefriedigend sind, dann manifestieren sich darin auch alle Mängel der Elementar- oder Volksschulerziehung. Das heißt, der Kern aller Bildungs- und Erziehungsprobleme in den Vereinigten Staaten liegt in dem, was die Amerikaner primary and secondary education nennen.

Im Jahr der Präsidentschaftswahl steht das Thema im Zentrum aller leidenschaftlich geführten Erziehungsdebatten und der politischen Kontroversen und der ideologischen Kämpfe, sowie es um Reformmodelle geht. Wie ein Schock geht es den Amerikanern plötzlich unter die Haut, daß ihre Schuljugend im internationalen Vergleich nicht mehr mithalten kann, daß das Land auch in puncto Schulerziehung auf dem "falschen Gleis" ist. Leichtfertig hat George Bush im Wahljahr 1988 versprochen, ein "Erziehungspräsident" zu werden. Heute wird ihm das unter die Nase gehalten, denn außer einigen Gesten und Projekten, kombiniert mit wohlfeilen Vorschlägen, die öffentlichen Schulen nach den Kriterien des Marktes der Konkurrenz der Privatschulen auszusetzen, ist in den dreieinhalb Amtsjahren von George Bush nicht viel aus dem Weißen Haus gekommen.

Hundertfünfundsiebzigtausend Schüler, Neunjährige und Dreizehnjährige aus zwanzig Ländern, wurden voriges Jahr in einer Initiative des US-Erziehungsministeriums auf ihre Rechenkünste und naturwissenschaftlichen Kenntnisse getestet. Nur zehn Prozent der Schüler konnten dabei mithalten. Die große Mehrheit lag unter dem internationalen Durchschnitt. Die Spitze bildeten Südkorea und Taiwan. Verantwortlich dafür sind nach Ansicht der Test-Auswerter in erster Linie der Fernsehkonsum, zu geringe Hausaufgabenpflichten und der geringe Leseeifer. Zweiundzwanzig Prozent von den getesteten Amerikanern saßen mindestens fünf Stunden täglich vor der Mattscheibe, zehn Prozent in Südkorea, sieben Prozent in Taiwan. Für Hausaufgaben in Mathematik und Naturwissenschaften wenden die dreizehnjährigen Amerikaner in der Woche höchstens je eine Stunde auf; Chinesen und Russen viermal mehr. Und mit 180 Schultagen (Deutschland 210) haben die Amerikaner von allen Industrienationen auch das kürzeste Schuljahr.

Madeleine Green: "Wir haben in unseren Schulen einfach nicht die ‚kritische Masse‘, um eine ausreichende Zahl von Studenten in die mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer der Universitäten aufnehmen zu können. Die Mehrzahl der Studenten in Mathematik und Naturwissenschaften kommt aus dem Ausland."