Von Michael Schwelien

Wie schnell lassen sich doch die Spuren eines Krieges beseitigen. Brennende Ölquellen? Längst gelöscht. Ökologische Katastrophe? Ausgeblieben. Schwarze Seen, dort wo Sprengladungen Fördertürme zerfetzten, aber das aus der Tiefe schießende Öl nicht entzündeten? Die meisten sind leergepumpt. Und wo sie versickerten, sprießt unerwartetes Grün. Die Wüste blüht. Die leichten Bestandteile des Öls verdunsteten, die schweren versickerten im Sand, verklebten die festeren Gesteinsschichten darunter. Der Regen läuft nicht mehr sofort ab. Wo ehedem nur Dünen wanderten, gedeihen jetzt Pflanzen.

Das Wort Nachkriegszeit klingt heute in Kuwait so historisch wie in Deutschland, obwohl der "Wüstensturm", die Operation "Desert Storm", erst vor anderthalb Jahren, am 28. Februar 1991 um 6.00 Uhr MEZ, endete. Auf den Straßen kreuzen wieder Mercedes, Toyota und vor allem Chevrolet. Ein Freundschaftsbonus: Die Befreier haben den Befreiten einige zehntausend Stück des Chevrolet "Caprice" verkaufen können, ein Modell, das General Motors in den Vereinigten Staaten kaum noch los wird. Kuwait brauchte gut hunderttausend Neuwagen im ersten Jahr nach Kriegsende. Da nimmt man, was man bekommt.

Sämtliche Motorways sind frisch asphaltiert, sechs-, achtspurige Autobahnen, ähnlich wie die Freeways in Los Angeles, durchziehen ganz Kuwait City und teilen die Stadt in verschiedene Viertel auf. Morgens hüllt sich das Ölscheichtum in eine Abgaswolke: Dann strömt alles zu den Büros und den Einkaufspassagen im Zentrum. Abends staut sich die Limousinenflotte nicht so leicht, nicht jeder fährt zur selben Stunde nach Hause, viele geben sich noch ein wenig dem Highlife in der City hin. Dann aber ist in den Gartenrestaurants kein Tisch mehr frei. Und die Kühlvitrinen der Cafés biegen sich unter der Last von Sahneschnittchen und Schokoladentörtchen – Gaumenlust im Land des Alkoholverbots.

Gäbe es da nicht "den Schrottplatz des Todes" an der Straße zum Irak, dort wo Flugzeuge der Alliierten die flüchtenden irakischen Soldaten, in gestohlenen kuwaitischen Wagen, an einer Anhöhe erwischten, wo zerschossene Lastwagen und ausgebrannte Autos beim Aufräumen einfach nur von der Piste geschoben wurden, dann gäbe es kaum noch sichtbare Zeugnisse von der Zeit, zu der Kuwait unfreiwillig die südlichste Provinz des Irak war. Doch auch diesen Wracks im salzhaltigen Wind schnell verrostender Autos wird keine übermäßige Symbolik zugemessen. Niemand nimmt sie als Mahnmal. Bei den Autoleichen vermodert ein verendetes Kamel. Auch das tote Tier wird keiner entfernen. Für den Kadaver hat man ebensowenig Verwendung wie für das Altmetall. Der Treibsand wird es beerdigen.

Äußerlich ist Kuwait wieder hergestellt. Und auch innerlich ist vieles so wie früher, also beim alten geblieben. Das Vermächtnis der Befreier war: Die Demokratie soll die Oligarchie ablösen. Tatsächlich hat Seine Hoheit Emir Scheich Dschabir al-Ahmed al-Sabah für den Oktober freie Wahlen versprochen. Aber er wird allenfalls ein Anstandsstückchen seiner Macht abtreten. Das Parlament, das im Herbst gewählt werden soll, dürfte jenem ähneln, das der Emir 1986 auflösen ließ, aus "Sicherheitsgründen", wie es hieß. Die fünfzig Abgeordneten hatten weder das Recht, Minister zu wählen, noch sie abzuberufen. Sie konnten den Regierungsmitgliedern lediglich Vorhaltungen machen und sie zur Rede stellen. Sie durften keinen Haushalt verabschieden, sondern konnten höchstens dank eines begrenzten Vetorechts einige Regierungsentscheidungen verhindern.

Drei Wochen vor dem Wahltag im Oktober darf der Wahlkampf beginnen. Den Kandidaten soll erlaubt werden, in Zelten vor ihren Häusern Veranstaltungen abzuhalten. Das entspricht der Tradition der Diwanjas, jener Treffen – vorzugsweise der Männer – zu Tee und Diskussionen auf den Diwanen der Familien. Auf den Polstern also, die einst in Beduinenzelten, heute meist in Wohnzimmern außerhalb der eigentlichen Familienräume ausgebreitet werden. Diwanjas sind lange Palaver, bei denen die Familienoberhäupter die letzte Entscheidung treffen. Ein Wahlkampf in dieser Form verhindert schon im vorhinein, daß andere als die alten Herrscher überhaupt an die Öffentlichkeit treten.