Von Regina Carstensen

Der Ehering verleiht dem Menschen, der ihn trägt, Stärke und Tugendhaftigkeit und bewahrt ihn vor Ärgernis, Versuchung und Bosheit" – so warben Pariser Goldschmiede für einen Artikel, dessen Verkauf damals, 1762 nämlich, ganz betrüblich stagnierte. Die Ursache erkannten die Zünftler im rokokokoketten Zeitgeist, der es zum Beispiel der Marquise d’Arcy ermöglichte, den ihr angetragenen Ehering für ein objet ridicule zu halten.

Schlechte Zeiten für den Ehering waren seit jeher auch schlechte Zeiten für das Schmuckgeschäft. Entsprechend aufgeregt reagierte die Juwelierbranche, als der Ehering – von der Apo als "Symbol der Repression der Zweierbeziehung" geschmäht, von weniger radikalen Zeitgenossen als harmloses, aber überflüssiges Relikt erachtet – im Gefolge der Studentenbewegung weithin außer Mode kam: Es dräue, so warnte 1972 eine Anzeige der Schmuckindustrie, "der endgültige Zerfall unserer Kultur".

Nun endlich, in diesen Zeiten der Wiederkehr der Konvention, ist die Schmuck weit wieder heile. "Man zeigt jetzt wieder Ehe", konstatiert die Leiterin eines Ulmer Schmuckateliers. In welch außerordentlichem Maße, hat unlängst das Branchenblatt Schmuck und Uhren-Wirtschaft ermittelt: "Es ist gelungen, die zuvor zähe Lagerumschlagsgeschwindigkeit auf Drehzahl 2 zu bringen" – was in der Sprache des Betriebswirts heißt, daß das Geschäft brummt.

"Das besonders Schöne daran ist, daß diese Renaissance auch vom Design her mächtig Bewegung in die Trauringszene gebracht hat", erläutert ein Hamburger Geschäftsmann und fügt mit einem distinguierten Stoßseufzer hinzu: "Endlich, denn ein einfacher Goldring konnte ja nicht alles sein." So kann er seinen Kunden einen "breitflächigen, duftigen, saloppen Ehebandring" vorlegen, in dessen "sportlicher Doppelzargenfassung" ein 1,11-Karäter in F-Top-Wesselton-Qualität brilliert; Preis: 28 000 Mark, Kunden: "situierte Paare, die zum zweiten oder dritten Mal ehelichen".

Als "Bigamistenring" bezeichnen Spottmäuler unter den Juwelieren jenen Platinreif mit durchgehendem Edelsteinbesatz, unter dessen gewölbter Fassung sich gelbgolden der eigentliche Trauring verbirgt: je nach Gemütslage und Gelegenheit kann der eheliche Traureif wahlweise offen neben dem Platinring oder aber "im Beisteck" getragen werden, also unsichtbar unter ihm versteckt. "Vor allem Männer, aber auch junge Frauen mit einem wesentlich älteren Partner", so glaubt eine Münchner Schmuckhändlerin beobachtet zu haben, "sind von dieser Idee sehr angetan."

Mit der Vorherrschaft des konventionellen Eherings ist es jedenfalls vorbei. Statt "Gardinenring" und "Ofenrohr" (wie die beiden Klassiker, der schmale Reif beziehungsweise der breitere Bandring, außer Hörweite des Kunden genannt werden) bieten Juweliere mittlerweile alle möglichen Designer-Ringe an: gestreift, gebändert, mattiert und sattiert, variantenreich geschlungen oder mit in die Ringinnenseite eingearbeiteten Steinen – der Inspiration wie der Irritation sind keine Grenzen gesetzt.