Von Andreas Lueg

Alles ist eine Sache von Sekunden:-Der Fahrer zischt einen Fluch, die Warnglocke scheppert, Bremsen kreischen, und der Eléctrico steht, aus rasanter Fahrt an den steilen Abhang der Straße fixiert, wie auf einem Photo mit kurzer Belichtungszeit. Ein quer geparktes Auto verhindert die Weiterfahrt der betagten Tram. Unbewegte Gesichter bei den Gästen in der holzgetäfelten Kabine; niemand schreit oder beklagt sich, alles wartet und schickt sich ins Unvermeidliche. Gelassenheit? Fatalismus pur? Nach einer sprach- und tatenlosen Viertelstunde schließlich steigen fünf Männer kurz entschlossen aus und wuchten das Hindernis aus dem Weg.

Der Eléctrico rumpelt weiter. Wohin genau? Am wenigsten weiß es der Fahrer, ganz unbeirrbare Pflichterfüllung am großen Handrad, mit dem er das Gefährt der General Electric Co., London, patentiert am 19. Juli 1904, durch die Widrigkeiten des Lissabonner Verkehrs manövriert. Bis zum Estrela-Park ist die Beförderung sicher, danach zur Praça do Comercio: vielleicht, Praça da Figueira: könnte sein.

Indes, nach drei Haltestellen sitzt der Fahrer ab. Endstation? Nur eine Zigarettenpause? Nach magischen Momenten der Einkehr, bei der unser Kondukteur geheimnisvolle Order von irgendwoher empfangen hat, geht es weiter; wie weit, wohin, das verliert sich im Ungewissen wie die schmalen Gleise im Gewirr der Straßen.

Ein Verkehrsmittel, das fast so lange steht, wie es unterwegs ist, ein Fahrer, der sein Ziel nicht kennt, Fahrpläne, die reine Poesie aus Namen und Zeichen malen: Zeitmaschine Lissabon.

Der Eléctrico sei eine aussterbende Art der Fortbewegung, entschieden ungeeignet für den Berufsverkehr, murrt mein Taxichauffeur, der als Gastarbeiter in Deutschland jahrelang das Tempo der neuen Zeit kennengelernt hat. Der Mann kaut an seiner Zigarette: Höchstens Lissabons melancholische Müßiggänger führen noch Straßenbahn, jene Herren mit Zeitungen unter dem Arm und mildem Wahn in den Augen, oder leicht derangierte Damen, die in Teetassen rührten und dabei die Zeit vergäßen. Der welterfahrene Kutscher hat eine Theorie über seine Landsleute, die verrät er mir jetzt: Sick brains seien sie, krank im Kopf, hoffnungslos langsam, ohne Rettung mit sich selbst beschäftigt.

Wenn schon sich, dann von einer Sehnsucht, die nirgendwohin will. Lissabon? "Eine Stadt, in der das Überflüssige nicht überflüssig ist", schwärmt Clara, eine Brasilianerin, die sich am Rio Tejo mehr zu Hause fühlt als in Rio de Janeiro. Wir begegneten einander auf dem Castelo de Sao Jorge, der alten Königsburg, von wo der Blick über die weiße Stadt am großzügigsten ist. Jetzt verfrachtet sie mich in die filigrane Eisenkonstruktion des Aufzugs Santa Justa, der Unter- und Oberstadt miteinander verbindet.