Aufs engste sei Helmut Kohl dem Sport verbunden, heißt es im Kanzleramt. In diesen Tagen demonstriert er besonderes Interesse: An alle deutschen Medaillengewinner in Barcelona läßt er persönliche Telegramme schicken. Per Faxgerät wird die Presse sorgfältig auf dem laufenden gehalten.

Was da eintrifft, sind keine Standardformulierungen, sondern – pro Tag manchmal mehr als zwanzig – ganz individuelle Glückwunschschreiben mit erstaunlichen Detailkenntnissen: Grundsteine für den Erfolg der Sieger im 100-Kilometer-Mannschaftsfahren seien "die perfekte Abstimmung untereinander, das in vielen tausend gemeinsamen Trainingskilometern gewachsene Verständnis und das überragende Stehvermögen auf den letzten schweren Kilometern" gewesen. "Große Nervenstärke bewiesen" habe der Gewinner in der Disziplin Laufende Scheibe Luftgewehr.

Wo nötig, spendet der Kanzler auch Trost. So fehlte dem deutschen Teilnehmer "nur ein Wimpernschlag" zum Medaillenrang beim 1000-Meter-Zeitfahren. So viel Anteilnahme zeigt der Kanzler nicht immer.

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Berufspolitiker brauchen Psychiater, meinte der renommierte britische Wissenschaftler Hugh Freeman auf dem Psychiatrie-Jahreskongreß in Dublin. Seine Begründung für die Notwendigkeit regelmäßiger Seelenchecks: Menschen in herausragenden Positionen unterlägen oft der Versuchung, sich mit Jasagern zu umgeben und sich nur das erzählen zu lassen, "was sie gerne hören wollen".

Solche Forderungen kann Regierungssprecher Dieter Vogel beim besten Willen nicht begreifen. Bonner Politiker seien schließlich "Menschen wie alle anderen auch". Und wenn einer nicht mehr zurechnungsfähig sei, dann würde es die Öffentlichkeit auch ohne Gutachten merken. Vielleicht hat er recht.

Zu diesem Thema hat sich auch Willy Brandt einmal persönlich geäußert. Im Herbst 1988 schrieb der Altbundeskanzler in Spiegel-Anmerkungen zu zwei gerade erschienenen Brandt-Biographien: "Ich halte es für eine ganz unangebrachte Prüderie, nicht auch über Neurosen und deren Wirkung im politischen Geschäft offener zu reden." Gisela Dachs