Voilà, das erste Buch zum, wie es auch im Untertitel heißt, "blutigen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien". Wir wollen nicht übermäßig ironisch sein, aber ein bißchen ist es das: das Buch zum Film. Susanne Gelhard, die junge Korrespondentin des ZDF, hat aufgeschrieben und vertieft, was sie im vergangenen Jahr auf dem Balkan erlebte und wovon sie im Fernsehen nur Bruchstücke zeigen konnte.

Und das muß man ihr lassen: Sie ist fair und objektiv. Nicht das allzu einfache Schema, hier die serbischen Aggressoren, dort die slowenischen, die kroatischen beziehungsweise die moslemischen Verteidiger, das vor allem die elektronischen Medien prägt, führt ihre Feder. Susanne Gelhard schaut tiefer, entdeckt auch Grausamkeiten der anderen Seite.

Die besten Kapitel des Bändchens heißen "Mißbrauch der Vergangenheit" und "Die Hetzer: Milošević, Tudjman und die Medien". Im ersten schaut die Autorin zurück auf die 1,7 Millionen jugoslawischen Opfer des Zweiten Weltkriegs, von denen mehr als die Hälfte nicht etwa von Hand ausländischer Besatzer, sondern der eigenen Landsleute ums Leben kamen. Die unbewältigte, ja nie offen zur Sprache gebrachte Vergangenheit von Tschetnik- und Ustaschagreueltaten ist einer der wichtigsten Gründe für die heutigen Massaker. Immer wieder wurde auch uns bei der Frage nach dem Warum sogar von jungen Leuten, die lange nach 1945 geboren wurden, bedeutungsschwer beschieden: Das haben uns Kroaten damals angetan, jenes mußten wir von Serben damals erleiden...

Im zweiten genannten Kapitel legt Gelhard auch den Ultranationalismus des kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman und der von ihm gesteuerten Medien bloß – ein seltenes Stück politischer Berichterstattung über einen weiteren wichtigen Kriegsgrund, den andere bedenkenlos zu übersehen scheinen.

Indes, das gesprochene Wort, es fliegt und wird schnell vergessen. Frau Gelhard hat im wesentlichen eine Sammlung von Reportagen vorgelegt. Jede für sich ist rund und fein gefeilt, übermäßige Dramatisierungen wurden vermieden, erfreulicherweise, denn die Realität ist bewegend genug. Aber immer, wenn man mehr von der offensichtlich analytisch begabten Autorin erwartet, bricht sie ab, wie überhaupt das Buch zwangsläufig dort endet, wo der Konflikt heute weitergeht, in Bosnien-Herzegowina.

Wenn diese gut geschriebenen Reportagen über den Tag hinaus Bestand haben sollen, dann müßten sie mit mehr Analyse und Hintergrund angereichert werden. Niemand wird umfassend und mit letzter Gültigkeit beantworten können, weshalb am Ende des Kalten Krieges der erste heiße mitten in Europa ausbrach. Da er sich aber immer auszuweiten und die Nachbarländer in seinen Strudel zu ziehen scheint, brächte es durchaus Gewinn, den neuen Nationalismus tiefer zu erforschen, die Motive der Protagonisten aufzudecken, die Rollen von Streitkräften, von Kirchen und Parteien, die Folgen von Waffenhandel und Geschichtslosigkeit zu studieren.

Bei ihrem Versuch, mitten in die Aktualität hineinzuschreiben, der durch die rasante Entwicklung zum Rückblick wird, gesteht Susanne Gelhard einmal selber ein: "Beantworten können wir die Frage nicht, wie so viele Fragen, die in diesem Krieg offenbleiben." An dieser Stelle ging es darum, ob Kroaten serbische Häuser plünderten oder umgekehrt. Das mag mitten im Krieg tatsächlich schwer festzustellen sein. Für andere Fragen aber hätte sie durchaus Antworten finden können, müssen, damit ihr Buch auch morgen noch Bestand hat. Michael Schwelien