BERLIN. – Gäbe es für die Medien nicht das Sommerloch, würde in den neuen Bundesländern kaum noch jemand die Bilderstürmerei konservativer Eiferer registrieren. Immer wieder verschwinden Wandmalereien und Plastiken aus den Stadtbildern, doch die Zeiten sind passé, als bei der Demontage des Berliner Granit-Lenins (Abbruchkosten zwei Millionen Mark) die Emotionen hochschlugen. Inzwischen gibt es genug Anlässe, die das Unbehagen nachhaltiger schüren als die Demolierung ideologisch unliebsamer Kunst – oder was dafür gehalten wird.

Zu denen, die es gerade hart trifft, gehört der Maler Walter Womacka. Im Westen eher unbekannt, galt er in der DDR als bedeutender Künstler, und er war beliebt. Seine meist gefällige und dekorative Malerei traf den Geschmack der Massen und der Regierenden gleichermaßen. Er durfte den DDR-Staatsrat ausschmücken und die Humboldt-Universität; in der „ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden“, der Betonsilo-Siedlung Eisenhüttenstadt, findet man seine Friese ebenso wie in der Gedenkstätte von Sachsenhausen; rings um den Alexanderplatz stolpert man geradezu über seine „Kunst am Bau“. Bald muß man wohl sagen: stolperte. Die 125 mal 6,80 Meter große „Bauchbinde“ um das „Haus des Lehrers“ zerbröckelt langsam in ihre Mosaik-Bestandteile. Dabei steht sie, samt Haus, inzwischen unter Denkmalschutz. Doch das Prädikat hilft wenig, das Geld für die Restaurierung fehlt. Immerhin schützt es vorläufig vor der „Entfernung“.

Chancenlos ist Womackas „Nuttenbrosche“: Der bunte Emaillebrunnen mit dem offiziellen Namen „Brunnen der Völkerfreundschaft“ wird die architektonische Umgestaltung des Alexanderplatzes nicht überstehen. Ihm bleibt der Ruhm, neben der Weltzeituhr der beliebteste Verabredungspunkt Ost-Berlins gewesen zu sein. Die größte Chance, nicht nur den Aufschwung Ost, sondern auch eine Ära sorgsameren Umgangs mit Historie zu erleben, hat ein Fries, der nicht mehr zu sehen ist. Das Bild des sozialistischen Kunstprofessors Willi Neubert am ehemaligen Presse-Café des Berliner Verlags hatte Ende der sechziger Jahre Streit ausgelöst: Der Emaille-Marx, er blickt auf seine zeitungs- und flugblattmachenden Erben, ist ziemlich rot im Gesicht. Die Frage war: Darf das sein? Nun hat der neue Besitzer Fassade und Bild im südlichen Stil verkleiden lassen und serviert brasilianische Rindersteaks statt schlechtem Ragout fin. Er sieht das mit der DDR-Kunst tolerant: „Viel Pathetik, aber geschichtlich interessant. Vielleicht interessiert man sich in vierzig Jahren wieder dafür, mit genügend Abstand und ein bißchen Nostalgie.“

Schon einmal galt die Haltung zu Womackas Bildern als Maßstab für Gesinnung: In der DDR wurde an ihrer Beurteilung die Eignung für künstlerische Berufe gemessen. Einem Fernsehmitarbeiter hatten seine Bilder als Vorreiter moderner sozialistischer Kunst in der Tradition der großen Mexikaner zu gelten, Potsdamer Filmhochschülern dagegen als kleinkarierte Nachahmung. Die wohlgefällige Darstellung eines keuschen, verliebten Pärchens überschwemmte von 1961 an das Land: als Zeitungsbeilage, als Kunstdruckdekoration in Klassen-, Hotel- und Kinderzimmern und als Interpretationsaufgabe im Deutschaufsatz.

Die Bilderstürmerei nach jedem Religionswechsel hat Tradition. Augenscheinlich hält sich auch bis heute der Glaube an den Jagdzauber: Kunstwerke seien nicht Abbilder, sondern besäßen die magische Kraft des Dargestellten. Gestürzt, übermalt, abgemeißelt und umbenannt wurde Unliebsames oder Mißverstandenes auch in der DDR regelmäßig: eine Arbeiterfigur von Horst Strempel im Bahnhof Friedrichstraße wegen seiner übergroßen Hände; ein Bild von Wolfgang Peuker in Leipziger Gewandhaus, weil Hager befand, „unsere Menschen“ könnten durch die Nacktheit einer antiken Szene in ihrem moralempfinden beeinträchtigt werden; eine Ansicht von Marx’ Geburtsstadt Trier im Leipziger Hotel „Deutschland“, weil der Ort „Im Lager des Klassenfeinds“ liegt. Statuen reitender Hohenzoller oder von „Repräsentanten bürgerlicher Ideologie“ sind noch gar nicht berücksichtigt. Das Verlustregister der vergangenen Jahrzehnte ist wenigstens so umfangreich wie das neue.

Auf die aktuelle Liste gehören neben Thälmännern, Marxen, Lenins und fleißigen LPG-Bäuerinnen diverse Gedenktafeln an kommunistische Faschismus-Opfer und Ehrenmale der sowjetischen Armee (nicht alle sind Panzer.) Von einem besonders lächerlichen Fall ist aus Sachsen-Anhalt zu berichten: Auf dem Dessauer Bahnhof wurde einst nicht nur Stalin getilgt, später schämte man sich auch des heroisch-naiven Stils der frühen fünfziger Jahre. Die SED opferte dem künstlerischen Fortschritt einen Demonstrationszug: Überdimensionierter Arbeiter trägt rote Fahne, Bäuerin und Kinder folgen nach dem Motto „Stadt und Land – Hand in Hand“. Nach der Wende wurde das Bild als historisches Dokument wieder in den umgebauten Bahnhof integriert. Doch inzwischen bedeckt ein dezenter grauer Vorhang die Hallenwand.

Nicht nur revoluzzende Stadträte ernennen sich zu Kunstsäuberern. Ein Ende der Dummheiten scheint nicht in Sicht, behauptet doch auch documenta-Chef Jan Hoet: Von der DDR-Malerei sei – abgesehen von den Werken einiger junger Wilder – nichts erhaltenswert. Werner Tübke, Bernhard Heisig, Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer hätten mit Kunst nichts zu tun, die könne nur in absoluter Freiheit entstehen. Mit gleicher Begründung könnte man den Pergamonaltar zu Schotter vermählen, schließlich entstand er während der Sklaverei. Pikanterweise bewirbt sich Hoet um den Direktorenposten des Leipziger Museums für bildende Kunst.

Ernst-Michael Brandt