Von Klemens Polatschek

Wenn es wahr ist (wie der Volksmund behauptet), daß jeder Bauer mit der Zeit so wird wie seine Kartoffeln, ein jeder Herr wie sein Hund und jeder Wissenschaftler wie sein Fachgebiet, dann steht die Vor- und Urgeschichtsforschung tatsächlich unter einem schlechten Stern.

Das Wesen des Archäologen nämlich ist die Ruhe, innen und außen. Das Licht der Scheinwerfer scheut er, seinen größten Feinden, den Grabräubern, nicht unähnlich. Und hätte nicht Anfang März 1991 eine unerhörte Höhenströmung Sand aus der Sahara auf den Hauptkamm der Alpen getragen, namentlich auf einen vergletscherten Flecken an der Grenze zwischen Österreich und Italien, zwischen Nord- und Südtirol, wo sich Ötztal und Schnalstal treffen, 3210 Meter über dem Meer – ja, dann würden mindestens hundert namhafte Vertreter der Zunft, vor allem das Häuflein, das an der Universität Innsbruck die Fahnen und Vorlesungen hält, wohl heute noch in Frieden leben.

So aber, dank des körnigen Belages, schmolz das ewige Eis im folgenden Sommer eilig zusammen, dezimeterweise an manchen Tagen. Und es war, als führe ein Lift in die Tiefe der Vergangenheit. Denn zum Vorschein kam, wie man mittlerweile wohl auch in Timbuktu vernommen hat, am Donnerstag, dem 19. September 1991, eine wissenschaftliche Sensation: die mumifizierte Leiche eines jungsteinzeitlichen Menschen, der aus dem Leben gerissen worden war beim Versuch, den Paß zu überqueren. Er war nackt, um ihn lagen Reste von Kleidung und Ausrüstung.

Es dauerte allerdings, bis das erkannt war. Am Freitag kam der Hubschrauber zum ersten Bergungsversuch. Da die Leiche zur Hälfte noch im Eis steckte, war auch ein Schrämhammer dabei. Der dreißig Zentimeter lange Meißel fuhr der Mumie zwar in die linke Hüfte, legte den Oberschenkelknochen bloß und versenkte das Ensemble in einem See aus Eiswasser, doch nach einer Stunde war die Preßluft zu Ende. Obendrein schlug das Wetter um.

Am Wochenende ist der Bergungshubschrauber ausschließlich für neuzeitliche Verkehrsopfer da; so bekamen im Lauf der Zeit insgesamt 22 Menschen Gelegenheit, das ausapernde Wunder in natura zu sehen, manche mehrfach, denn 28mal wurde die Fundstelle besucht, wie die Urgeschichtler nachträglich recherchierten. Dabei entkamen Fellstücke, das Beil des Toten und ein Gefäß aus Birkenrinde vorderhand in die umliegenden Ortschaften.

Am Montag landeten zwei Helikopter auf dem Gletscher. Während die Besatzung des einen feststellte, daß die Leiche neuerlich festgefroren war und man kein Werkzeug mitgenommen hatte, machte die des anderen nur ihren Job. Deshalb konnte das österreichische Fernsehen wenig später einen Wissenschaftler der Universität Wien ins Studio laden und ihn vor aller Augen mit der Vorführung eines Videobands foltern. Es zeigt, wie das Bergungsteam den unglaublichsten Fund der Archäologiegeschichte mit einem Schistock, den es von einem vorbeikommenden Bergsteiger erbettelt hat, aus dem kalten Grabe kratzt, nicht ohne an den auskragenden Extremitäten zu zerren. Der Studiogast stöhnte stellvertretend – lebte er doch in einer Welt, in der selbst Keramik mit dem Dachshaarpinsel aus der Erde gefächelt wurde.