Von Eckhard Roelcke

Gegen Mitternacht breitet er die Arme aus und verschränkt sie vor der Brust. Er umarmt die Luft und erklärt den anwesenden achtzehn Damen und Herren, warum mit der linken Klavierhand ein Lauf von unten nach oben leichter zu spielen ist, mit der rechten aber ein Lauf von oben nach unten: Eine Umarmung sei eben ganz natürlich. Viel schwieriger sei dagegen, die Arme zu öffnen – denn das habe etwas mit Religion zu tun.

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Vier Stunden früher: Ein schneller Auftritt über das große Podium im Münchner Gasteig hin zum Klavier, kurze Konzentration, und schon ist Anatol Ugorski eingetaucht in die Musik – Vorschlag, Auftakt, Thema. Zunächst die zweimal sechzehn Takte des Diabelli-Walzers plus Wiederholungen, dann die 33 "Veränderungen". Nach gut einer Stunde ist Beethovens ingeniöses Opus 120 vorbei. Ugorski verbeugt sich, reibt sich die elastischen Hände und tritt ab. Weg ist er, aber er hat einen musikalischen Brocken hinterlassen, eine philosophische Welt, die nachhallt.

Kraftvoll bis zur Brutalität hat er gespielt, zärtlich bis zur biedermeierlichen Empfindsamkeit. Schroffe Gegensätze auf kleinstem Raum: laut und leise, schnell und langsam, legato und staccato, kurze Phrasen und lange Bögen – bei Ugorski wechseln die Charaktere der Beethovenschen Musik nicht bloß mit jeder neuen Variation, sondern manchmal mit jeder achttaktigen Periode, manchmal mit jedem Takt: kein gefälliges Variationen-Spiel oder virtuoses Aufwärmen zu Beginn des Konzerts, vielmehr ein zerklüftetes Stück voller Spannungen, die Ugorski auch am Schluß nicht auflöst – ein Lauf mit der linken Hand von unten nach oben mit einem Diminuendo, dann ein kurzer Akkord im Forte. Die linke Hand ruht unten im Baßregister, die rechte oben im Diskant – die Arme sind mal wieder ausgebreitet. Beginn einer Umarmung oder Ende mit einer religiösen Geste?

Hinter den Freiheiten, die sich Anatol Ugorski herausnimmt und die ihm den Ruf eingetragen haben, ein exzentrischer Musiker zu sein, verbirgt sich ein tiefes Verständnis des Werkes: "Man weiß nie", erklärt er einen Tag nach dem Konzert Beethovens Diabelli-Variationen, "welche Variation folgt und warum sie folgt." Dieses Rätsel sei ein wesentlicher Bestandteil des Werkes und entstehe im Bewußtsein des Hörers und des Interpreten immer wieder neu, ohne je beantwortet zu werden.

Und sofort zieht Ugorski einen philosophischen Schluß aus dieser analytischen Beobachtung: "Die Welt erscheint hier im Prinzip nicht als System, sondern als eine Flut von Ereignissen. Und damit wird ganz neu die Frage der Integrität der autonomen Persönlichkeit gestellt, die sich selbst Gesetze gibt und sie freiwillig einhält. Daß diese Frage gerade von Beethoven stammt, dieser klassischen Figur der Klassik – das ist faszinierend. Er ist viel avantgardistischer als alle Avantgardisten zusammen."