Von Andreas Isenschmid

Armut kann man diesem Roman, dem zwölften Buch des 44jährigen Frankfurter Autors, nicht vorwerfen: Er spricht, raffiniert konstruiert, mit verschiedenen Stimmen, er spricht über viele leicht- und tiefsinnige Themen (am liebsten über Liebe und Selbstverlust), er nimmt uns mit auf eine labyrinthische Reise nach und durch Tunis, er enthält einiges Zeitkolorit (Wiedervereinigungsparties, Grundstücke bei Dresden, demonstrierende Muslimbrüder), eine Vater-Sohn- und circa drei Liebesgeschichten.

Und natürlich heißt der Roman nicht grundlos "Der Sandmann". Er spielt alle naselang auf E. T. A. Hoffmanns Nachtstück "Der Sandmann" aus dem Jahr 1815 an, ein Paradestück der Literatur des Unheimlichen, und fast ebensooft auf die einflußreiche Studie, die Freud 1919 Hoffmann und dem Unheimlichen gewidmet hat. Wie Hoffmann bündelt Kirchhoff all seine Themen zu einer Spirale des Unheimlichen. Und wie Hoffmann erzählt er uns den Sturz eines Helden in die Bodenlosigkeit des Selbstverlusts.

Quint, fünfzig, Frankfurter Rundfunksprecher und Inhaber einer fabulösen Stimme, fliegt im Herbst 91 mit Kleinkind Julian nach Tunis, um dort seine Geliebte Helen zu suchen, die im Herbst 90, mitten aus dem Wiedervereinigungstrubel, ebendahin geflohen ist. Aber in Tunis findet Quint gar nichts, er verliert nur: seine Souveränität, seine Stimme, seinen Sohn, seinen Verstand und sich selbst. Er wird zum Mörder, und wäre nicht das Ende des Romans rechtzeitig gekommen und knapp vor ihm noch das Klappen "einer inneren Tür", wäre Quint, sich vom Dach stürzend, auch noch zum Selbstmörder geworden.

Das ist natürlich eine zugleich haarsträubende und an den Haaren herbeigezogene Geschichte, die aber gerade darum das Zeug zu einem reizvollen kleinen Roman hätte. Die Lebens- und Liebeskrisen von Fünfzigjährigen brechen uns ja im Leben eher das Herz als beim Lesen – so daß der Schriftsteller, dem es gelänge, derlei Alltäglichkeiten in ein beunruhigendes psychothrillerndes Schreckenstück zu verzaubern (und das erst noch im literarisch abgelatschten Gassengewirr nordafrikanischer Städte), meinen amüsierten Respekt hätte. Persönlich würde ich ihn vorher bei Camus und Carver in die Lehre der Verknappung schicken, muß aber zugeben, daß sich, siehe Conrads "Herz der Finsternis", eine Reise- und Selbstverlust-Geschichte auch mit großer philosophischer Ladung glücklich ins Ziel bringen läßt.

Es ist dieser zweite Weg, für den sich, nach dem Ausflug ins "pralle" Erzählen, das er in "Infanta" erprobt hat, Bodo Kirchhoff dieses Mal entschieden hat. Er will die Alltäglichkeit seines Stoffes nicht lakonisch unterlaufen, sondern ihr durch Beigabe von allerlei literarischen und philosophischen Würzmittelchen aufhelfen.

Dabei hat er, zurückhaltend gesagt, etwas überdosiert. Das beginnt beim Stil. Sie "werde für jeden seiner Schritte ein Wort finden, kein großes, dankbares Wort, eher ein kleines genaues, störend wie ein Spreißel", schreibt Helen in ihren Aufzeichnungen über Quint, die dieser in Tunis zu lesen bekommt. Schön wär’s. Helens Autor Kirchhoff hat sich, als wäre das Pathos des gehobenen Stils ein Heilmittel gegen die Banalität, fürs große Wort entschieden. Schon im ersten Satz "zerbricht die Welt", im zweiten wird "ins Bodenlose" gefallen, und so geht es weiter: mit "jäh" und "fassungslos", "blindlings" und "Todesangst" bis zum Ehepaar, für das die Abiturientin die Worte findet, es sei "verbunden durch einen Ausdruck stiller, absoluter Hoffnungslosigkeit".