BERLIN. – Unsere Mitbürger im Osten erfreuen sich des Rufes, daß viele von ihnen es verstehen, sich die Arbeit einzuteilen. Ein schönes Beispiel dafür verdanken wir der Crew des IC 534 Elbflorenz. Der Elbflorenz ist ein InterCity-Zug, der eingesetzt wurde, nachdem man die Strecke Hamburg-Berlin verlängert hatte bis Dresden.

Von Berlin Zoo (Abfahrt 13.47 Uhr) nach Hamburg (Ankunft 17.11 Uhr) ist mein Freund Otto bisher mit diesem Zug gefahren, seit es ihn gibt, da er am besten in seinen Zeitplan paßt. Das wird sich ändern müssen.

Von hundert Menschen, die einigermaßen regelmäßig zwischen neuen Bundesländern (Sachsen) und alten (Hamburg) verkehren, benutzen törichterweise neunzig das Auto, drei fliegen, und nur sieben fahren mit der Bahn. Da die Reichsbahn in ihrem Sommerfahrplan mehr Züge auf dieser Strecke eingesetzt hat, sind diese (für den Reisenden, für die Bahn weniger) angenehm leer.

Die Crew des Elbflorenz findet deswegen von zwei Erste-Klasse-Wagen einen zuviel, eine eher unnötige Belastung.

Otto hingegen leidet ein wenig unter Klaustrophobie und möchte gern in dem Großraumwagen 23 fahren (der andere Waggon der ersten Klasse, 22, hat normale altmodische Coupés). Gerade in dem jedoch sind Reisende, um übermäßige Beanspruchung des Personals zu vermeiden, unwerwünscht. Die Leute von der Reichsbahn denken sich dafür immer neue Tricks aus. Zunächst einmal werden Reservierungen im Elbflorenz für den Wagen 23 gar nicht erst angenommen. Da staunte Großraum-Liebhaber Otto doch sehr, als er diesen Wagen vom ersten bis zum letzten Platz "reserviert" und dabei doch völlig leer fand. So hatten ihn vier Reisende, die guten Gewissens Reserviert-Zettel mißachteten, ganz für sich allein. Der Zugführer war offensichtlich nicht sehr entzückt und murmelte, neugierig befragt, etwas von einer ausgebliebenen Reisegruppe.

Bei der nächsten Fahrt war der Zugang zum Wagen 23 blockiert, von außen, nicht jedoch von innen. Otto kletterte also in den Wagen 22 (für den er, wie immer, eine Reservierung hatte) und ging von dort aus durch die automatische Tür in "seinen" Wagen.

Wieder war er dort fast allein. So auch das nächste Mal. Freilich mußte er es ein bißchen büßen. Der Schaffner war viel weniger freundlich, als gerade Reichsbahn-Schaffner es sonst sind. Und kein Mitropa-Kellner dachte daran, ihn (wie sonst durchaus üblich) zu fragen, ob er vielleicht etwas zu trinken bestellen möchte.

Am 22. Juli jedoch mußte sich Otto geschlagen geben. Mit des Himmels Hilfe hatte Elbflorenz gesiegt. Auf dem Berliner Bahnhof Zoo war der Wagen 23 mittags Viertel vor zwei geradezu einladend offen. Aber er war leer. Und er blieb leer. In Berlin stand das Thermometer auf 35 Grad. Und im Wagen 23, ausgerechnet und nur im Wagen 23, war die Klimaanlage ausgefallen. Leo