Von Hanno Kühnert

Nur selten erhält Rainer Voss wütende Anrufe. Als er aber dafür eingetreten war, die Richter der ehemaligen DDR nicht von vornherein zu entlassen, sondern jeden Fall sorgfältig individuell zu prüfen, rief ihn ein Staatsanwalt, Mitglied des Richterbundes, an und schrie Schmähungen ins Telephon. "So was habe ich noch nie erlebt", sagt Rainer Voss, jetzt noch leicht schaudernd. Später erfuhr er, daß der rasende Telephonierer in der DDR eingekerkert gewesen war. Da verstand ihn Voss. Er meint heute, die 600 übernommenen Richter und Staatsanwälte im Osten seien doch wohl ausreichend geprüft. Ein oder zwei durchgerutschte schwarze Schafe machen ihm kein Kopfzerbrechen.

Der neue Vorsitzende des Deutschen Richterbundes hat lauter ausgewogene, vernünftige Meinungen. Beim ersten Hinhören jedenfalls. Doch dann werden auch die Kanten, Eigenheiten, Festigkeiten des Rainer Voss deutlich. Er ist keineswegs stromlinienförmig. Der Mann ist auf ganz unauffällige Weise doppelbödig: Er ist nicht nur gescheit-weltoffen, er ist auch entschlossen, sich mit sanftem Nachdruck durchzusetzen. Ein Abbild des modernen Richtertyps.

Rainer Voss, 51 Jahre alt, ist der erste Vorsitzende, der nicht einstimmig gewählt wurde. Er ist darüber nicht traurig; seine Weltsicht ist pluralistisch, und Gegenstimmen sind der durchaus erwünschte Preis dafür. Der Richterbund, einst stockkonservativ, erklärtermaßen "unpolitisch" und eine etwas steife, von der Tagespolitik angewiderte Standesorganisation, hat sich zu einem leidlich modernen, für seine Verhältnisse liberalen Verband gemausert, in dem gelegentlich auch die Fetzen fliegen.

Daran hat Rainer Voss großen Anteil. Zielstrebig und ausdauernd hat er in jahrzehntelanger Arbeit den Richterbund aus dem Elfenbeinturm des Berufsstandes mit herausgeführt. Er will das so nicht gelten lassen und lobt seinen Vorgänger Helmut Leonardy.

Rainer Voss, Sohn eines Industriekaufmannes aus der Stahlbranche, wollte partout Theaterregisseur werden. In Köln und München warteten Ausbildungsplätze auf ihn. Der Vater ("wenn du das machst, sind wir geschiedene Leute!") bewegte ihn "erst mal" zu einem sogenannten bürgerlichen Beruf. Voss entschied sich für das Medizinstudium. Aber in Heidelberg waren die Laborplätze so rar, daß sie gar verlost wurden. Eine Tante, Anwältin, pries die Rechtswissenschaft. Er sattelte auf Jura um, studierte in Mainz Recht, und das hat er bis heute nicht bereut.

Seine Studentenzeit erfreut ihn heute noch. Und die Stringenz des juristischen Denkens macht ihm Spaß. Andere Lebensbereiche erkundete der Werkstudent als Kellner, bei der Post, in der Landesversicherungsanstalt, wo er Daten für Lochkarten aufbereitete. Er fuhr Pkw für einen Auto Verleiher, er arbeitete im amerikanischen Offizierskasino in Heidelberg. Da hat er mitgekriegt, "wie hart manche Menschen für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen". Es ist ungerecht, findet er, daß die einen hart arbeiten und wenig Geld haben, die anderen aber "für nichts viel verdienen". Wer so manchen selbstgefälligen Richter früherer Zeiten kannte, wird solches Denken nicht gering veranschlagen. Voss wäre auch dafür, daß jeder Richter "mal zwei oder drei Jahre was ganz anderes gemacht" hätte. Aber das erscheint ihm utopisch.