Von Nikolaus Piper

Ganze fünf Autominuten braucht man von Hodonfn über die Brücke nach Holíč. Zwei verschlafene Provinznester am Fuße der Weißen Karpaten, die sich mit ihrer realsozialistischen Tristesse kaum von anderen Kleinstädten in der Tschechoslowakei unterscheiden. Bis auf einen Punkt: Zwischen dem mährischen Hodonfn und dem slowakischen Holle fließt die Morava, ein kleines Flüßchen, das an dieser Stelle die Grenze zwischen der Tschechischen und der Slowakischen Republik bildet. Noch markiert kein Schild den Grenzverlauf, doch dürfte sich dies bald ändern. Vermutlich bereits am 1. Oktober wird die Morava (deutsch: March) zwei souveräne Staaten voneinander trennen.

Vielleicht wird man auch dann noch ungehindert über die Marchbrücke fahren können. Dies jedenfalls ist die erklärte Absicht der Politiker auf beiden Seiten der Grenze. Der populistische Ministerpräsident der Slowakei, Vladimir Mečiar, und sein Prager Widerpart, der radikalkapitalistische Václav Klaus, legten sich in einem "Politischen Abkommen" darauf fest, daß beide Repubüken einen gemeinsamen Markt und möglichst auch eine Zollunion bilden sollen. Das gebietet auch das Eigeninteresse beider Republiken. Da jedoch der Emanzipationsprozeß der Slowaken von so vielen Irrationalismen begleitet war und da es der Slowakei wirtschaftlich so ungleich schlechter geht als Böhmen und Mähren, ist die Angst vor einem tschechisch-slowakischen Wirtschaftskrieg noch lange nicht gebannt.

Sollten aber im nächsten Jahr an der March tatsächlich die Schlagbäume heruntergehen, wären die Folgen verheerend: Die Slowakei würde sich von Europa abkoppeln und immer mehr verarmen. Und im Jahre 2000 wäre hier vermutlich die Ostgrenze der EG, eine Wohlstandsgrenze, an der schwerbewaffnete Grenzwächter Armutsflüchtlinge fernzuhalten versuchen.

Seit den Juniwahlen ist jedenfalls klar, daß die alte Tschechoslowakei keine Chance mehr hat. In Bratislava (Preßburg) regiert Mečiars Bewegung für eine demokratische Slowakei (HZDS). Am 17. Juli, einem Freitag, erklärte der slowakische Nationalrat (Parlament) die Souveränität des Landes. Und die tschechische Regierung betreibt nun, da die alte Föderation nicht mehr zu retten ist, die schnelle und radikale Trennung von der Slowakei.

Die Lage ist bizarr: Nur eine Minderheit in der Bevölkerung will wirklich die Auflösung der Tschechoslowakei – ganze sechzehn Prozent waren es in beiden Landesteilen bei der jüngsten Meinungsumfrage. Trotzdem glauben die meisten Politiker, daß der Weg in die Trennung unumkehrbar ist. Der Schnitt wird für beide Teile teuer werden; die Hauptlast trägt jedoch die Slowakei. Und die Regierenden in Bratislava können die Kosten nur dann in Grenzen halten, wenn sie von ihren Wahlversprechen abrücken und die gleiche rigorose Marktpolitik betreiben wie die ungeliebten Brüder in Prag.

"Mečiar hat den Leuten versprochen, sie könnten in einer souveränen Slowakei künftig kapitalistisch leben und weiterhin sozialistisch arbeiten", sagt Mikuláš Dzurinda, der wirtschaftspolitische Sprecher der Christdemokraten (KDH), der größten Oppositionspartei in Bratislava. Tatsächlich gewann die HZDS die Wahlen unter anderem dadurch, daß sie den Eindruck erweckte, eine souveräne Slowakei sei in der Lage, den harten Stabilisierungskurs der Prager Regierung zu vermeiden, die Wirtschaft mit Staatsgeldern anzukurbeln und die Privatisierung unter nationalen Gesichtspunkten zu steuern. Ein Versuch, der nach Meinung westlicher Wirtschaftsexperten selbstmörderisch wäre. Er würde das Land vom Zustrom ausländischen Kapitals abschneiden und in einen Strudel von Inflation und Abwertung nach lateinamerikanischem Muster hineinführen.