Von Hans Harald Bräutigam

Die Avenue de la Belle Gabrielle in Nogent sur Marne, einem der besseren Pariser Vororte, hat nicht nur einen schön klingenden Namen, sondern sie ist auch gesäumt von eleganten Häusern und gepflegten Gärten. Ihre bürgerliche Ruhe bekommt allerdings unerwartet ländlichen Charakter, wenn sie gelegentlich unterbrochen wird durch Gegacker von Hühnern. Es dringt aus einem wegen seiner groben und mächtigen Umrisse auffallenden Gebäude, dem berühmten Institut d’Embryologie cellulaire et moleculaire des Nationalen Französischen Wissenschaftszentrums CNRS.

In dem etwas verwahrlost wirkenden Gebäude aus Naturstein, das innen eher an ein Verlies als an eine renommierte Forschungsstätte erinnert, erblicken von Zeit zu Zeit merkwürdige Chimären das Licht der Welt. Diese in der Presse als "kleine Monster" apostrophierten Wesen tragen Namen wie Eugenie oder Fernand. Die gackernden Kunstgebilde sind Zwitter aus japanischen Wachteln und amerikanischen Leghorn-Hühnern. Ihre Schöpferin ist Madame Nicole Le Douarin.

Die Hausherrin ist klein und mit ihren sechzig Jahren schon etwas gebeugt, doch alles andere als eine Hexenmeisterin. Ihre dunklen, von feinen Fältchen gesäumten Augen blicken meist streng, verströmen aber, wenn sie gelegentlich lächelt, Charme und Wärme. Wer ihr zum erstenmal begegnet, kommt schwerlich auf die Idee, daß er eine in der scientific Community hoch angesehene Professorin für Entwicklungsbiologie vor sich hat. Ausgeprägte Bescheidenheit und Zurückhaltung in persönlichen Dingen sind kennzeichnend für sie.

Oder ist sie nur sachlich distanziert bei Interviews, weil manche Journalisten sie als Monster-Mutter bezeichnet haben? Verletzt sie das? Sie schüttelt den Kopf, nein, solche Ergüsse nimmt sie nicht sonderlich ernst, erklärt sie in fließendem Englisch mit landestypisch ausgeprägtem Akzent. Was für sie zählt, und da stellt sie ihre Person ganz zurück, das ist ihre geliebte Wissenschaft.

Und warum züchtet sie ihre Chimären? Seit ungefähr zwei Jahrzehnten geht Nicole Le Douarin dem faszinierenden Phänomen nach, wie sich aus dem scheinbar einfachen Embryonalgewebe Nerven- und Hirnzellen herausbilden und zielsicher zu einem komplexen Geflecht verknüpfen. Die Entwicklung von der befruchteten Eizelle bis zur Geburt prägt entscheidend unser Schicksal. Sie bestimmt, welche Zellen aus der Keimanlage später einmal welche Funktionen übernehmen werden. Fehler in der Embryonalentwicklung können zu schweren Mißbildungen und Tod führen.

Trotz ihrer schicksalhaften Bedeutung wissen wir über solche Vorgänge jämmerlich wenig. Ein entscheidender Trick bei den Douarinschen Arbeiten ist, daß Embryonalgewebe von Wachtel und Huhn genügend ähnlich sind, um sich zusammen zu entwickeln, sie lassen sich aber deutlich unterscheiden, weil sie verschieden große Zellkerne besitzen und unterschiedlich färbbar sind. Dies ermöglicht es, nach dem Transplantieren embryonaler Wachtelzellen auf einen gleichaltrigen Hühnerembryo an der heranwachsenden Chimäre zu studieren, welchen Weg und welche Funktionen definierte Teile des Embryos einnehmen.