Von Christian Ankowitsch

Helmut Schüller weiß genau, was er will, und sagt es auch: Geld, Geld und wieder Geld. Daß ihm sein Wunsch diesmal so prompt und überschwenglich erfüllt wird, ist selbst für den Präsidenten der österreichischen Caritas nichts Alltägliches: "In diesem Ausmaß habe ich den Erfolg nicht erwartet." Staunen lassen Schüller rund eine dreiviertel Million Österreicher: In einer europaweit unvergleichlichen Aktion spendeten sie innerhalb von dreieinhalb Monaten rund 330 Millionen Schilling (47 Millionen Mark) für "Nachbar in Not" – ein Hilfsunternehmen für Flüchtlinge in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, das der Österreichische Rundfunk (ORF), die katholische Caritas und das Rote Kreuz organisieren.

Gründe für den unerwarteten Schub an caritativem Elan nennt Schüller gleich mehrere. Etwa jenen, daß der ORF die Promotion des guten Werks übernommen habe – und zwar "Länge mal Breite", wie sich der knapp vierzigjährige Priester salopp ausdrückt; dazu komme der Hintergedanke vieler Österreicher, mit ihrer Spende zu verhindern, "daß zu viele Menschen bei uns Zuflucht suchen".

Und schließlich sei jene so anschauliche Währung schuld, die seit Beginn der Aktion am 26. Mai unter Organisatoren wie Spendern gilt: Gerechnet wird nicht in Schilling, sondern in "Lastkraftwagen": Sobald 300 000 Schilling auf dem PSK-Konto 76 00 III angelangt sind, wird ein Lkw mit Nahrungsmitteln sowie Hygieneartikeln beladen und auf die Reise geschickt. Das meiste davon geht nach Kroatien, ein anderer Teil, nachdem er auf kleinere Wagen umgeladen wurde, nach Bosnien. Als Umschlagplätze fungieren Zagreb und Rijeka, Zwischenlager wurden in Split und Dubrovnik eingerichtet; das Einsatzgebiet reicht von Ljubljana in Slowenien über Zadar und Sibenik bis Mostar. Auch nach Belgrad dirigiert man einzelne Transporte.

"Die Menschen haben es gerne, wenn ihre Spenden unmittelbar sichtbar werden", sagt Schüller – eine Beschreibung voller Doppeldeutigkeit: Denn seit Wochen zeigen ihnen die Medien nicht nur erfreute Empfänger der Hilfslieferungen, sondern sie können auch täglich zur besten Sendezeit beobachten, wie ein Lkw nach dem anderen über den Fernsehschirm rauscht – versehen mit dem Namen des (imaginären) Lenkers: "82 Schulen", "422 Hörer & Seher" oder "Land Steiermark, 10. Wagen".

Unter dem Slogan "Menschen in Not" wirbt mittlerweile auch der NDR um Spenden, die gleich nach ihrem Eintreffen am deutschen Konto auf das österreichische weitergereicht werden. Und das aus gutem Grund: Caritas wie Rotes Kreuz verfügen nämlich in den Einsatzgebieten über eine funktionierende Infrastruktur, der "Nachbar in Not" seine Mittel je zur Hälfte anvertraut. Mit den Transporten werden meist österreichische Speditionen betraut – doch erreichen diese erst einmal das Kriegsgebiet, sind es beinahe ausschließlich kroatische Fahrer, die nach dem allerletzten verbliebenen Schleichweg suchen.

Ganz auf sich gestellt ist die Caritas im Sonderfall Sarajevo: Bis zur vergangenen Woche gelang es ihr als einziger Organisation, die unter serbischem Beschuß stehende Stadt auf dem Landweg zu erreichen – die andere Versorgungsquelle der bosnischen Hauptstadt ist die UN-Profor, die Truppe der Vereinten Nationen, die ihre Hilfsgüter per Flugzeug transportiert.