Von Friedhelm Gröteke

Eigentlich leben Italiens Beschäftigte schon im Paradies. Wer einmal einen Arbeitsplatz bekommt, kann kaum mehr entlassen werden. Nur wenn die Firma pleite geht oder der Staat gesetzlich den Notzustand für die ganze Branche erklärt, sind Massenentlassungen zulässig, doch dann retten jahrelange Übergangsregelungen vor dem sozialen Abstieg. Mit 55 Jahren erhalten Italienerinnen ihre volle Pension – Männer gehen mit 60 Jahren in Rente. Der Staat bezahlt auch sämtliche Arzt- und Krankenkosten.

Die Löhne und Gehälter wurden bislang gleich auf dreifache Weise gesichert. In Branchentarifverhandlungen werden – wie etwa in der Bundesrepublik – die Löhne für ganze Wirtschaftsgruppen und längere Zeiträume ausgehandelt. In den Jahren dazwischen bieten Betriebstarifverhandlungen, zum Beispiel bei Fiat oder Pirelli, Anlaß genug, um weitere Verbesserungen herauszuholen. Und drittens hat ein halbes Jahrhundert lang in Italien die scala mobile dafür gesorgt, daß die Inflationsrate gleich wieder in Lohnzuschläge für die Beschäftigten umgesetzt wurde. Diese „Lohnrolltreppe“ aber ist nun gestoppt.

Schon vor zwei Jahren wollte der Unternehmerverband die scala mobile abschaffen. Aber bis zum Sommer 1992 fand sich keine Regierung, die den Mut hatte, das heiße Eisen anzufassen. Denn nur in Dreiecksverhandlungen zwischen Staat, Unternehmern und Gewerkschaften konnte die Lohnrolltreppe stillgelegt werden.

Die Inflationsautomatik war gegen Ende des Zweiten Weltkrieges erfunden worden. Damals regierte in Süditalien eine Monarchie unter der Besatzung der Alliierten, welche gegen die von Mussolini errichtete und von den Deutschen gestützte „Soziale Republik“ im Norden kämpfte. Die Regierung Süditaliens hatte die Preise einfach galoppieren und die Lira sich entwerten lassen. Im Norden hielt der Duce mit der gleichen Lira noch eisern auf Preisdisziplin. Als dann Mailand erobert wurde, konnte Roms Regierung die Arbeiterschaft Norditaliens nicht verhungern lassen. Mangel und Elend machten jede Art von Produktion ohne Rücksicht auf die Kosten wichtig, internationale Konkurrenz gab es nicht. Da diente die rasch erfundene scala mobile dazu, die Arbeiter im norditalienischen Industriegebiet sozial zu schützen. Und weil sie so bequem war, fand die Lohnrolltreppe nach und nach in allen Bereichen der Wirtschaft und des Landes, ja sogar im Staatsdienst Anwendung.

Ihre soziale Schutzfunktion hat sie inzwischen längst verloren. Vielmehr ist sie zu einer gefährlichen Inflationsmaschine geworden. Nicht zuletzt, weil Lohnsteigerungen, die über die Produktivität hinausgehen, auch wieder die Inflation weitertreiben, lagen Italiens Teuerungsraten in den vergangenen zehn Jahren ständig über denen der anderen europäischen Industrieländer, doppelt so hoch zum Beispiel wie in der Bundesrepublik.

Das sahen auch die italienischen Regierungen in ihrem ständigen Kampf gegen die hohen Staatsausgaben ein – doch alle blieben untätig. Sie fürchteten vor allem die Reaktion der mächtigen, früher kommunistischen Hauptgewerkschaft Confederazione Generale Italiana del Lavoro (CGIL). Dieser Dachverband drohte mit Generalstreik und Massenaufmärschen für den Fall, daß die Lohnrolltreppe demontiert werden sollte.