Sie lächelte ihr Jungmädchenlächeln. Als sie aus den Katakomben des Schwimmstadions Bernat Picornell hinaufstieg zu den Journalisten, mußte man ihr einfach die Schulter klopfen. Alle sagten "Franzi" zu ihr und freuten sich über ihren Anblick. "Franzi" hielt eine Wasserflasche in der Hand, es war wie bei einer Party, bei der sich alle kennen und doch wieder nicht. Ihre Vorliebe für Stofftiere, daß der Bruder sie damals zum Schwimmen mitgenommen und sie später an der Spartakiade teilgenommen hatte, alle wußten dies. Es war viel, und doch war es nichts. Athleten bei Olympia geben ihr Geheimnis nur selten preis.

Gut eine Stunde war es her, daß Franziska van Almsick zum Finale über 200 Meter Freistil den Startblock bestiegen hatte. Als wollte sie sich davon überzeugen, daß es mit dem Wasser auch seine Ordnung habe, hatte sie kurz ihre Hand in das Becken getaucht. Unten auf dem Grund konnte sie die Objektive der Kameras sehen, alles war bereit. Obwohl die Temperaturen an diesem frühen Abend mehr als 35 Grad betrugen, zog Franziska van Almsick als letzte von allen ihren Trainingsanzug aus. Sie ließ ihre Arme noch einige Male durch die Luft kreisen, der Starter gab das Kommando. Es wurde still, zu hören waren nur die Rotorblätter des Polizeihubschraubers, der hoch oben über dem Stadion stand.

Kein Erbarmen mit den Radlern

Was dann folgte, ging sehr schnell, es dauerte nicht ganz zwei Minuten. "Franzi", die tragische Heldin, war geboren. Ein Ereignis, dem mit den Computern der Zeitmessung nicht beizukommen war. Sie meldeten lediglich, daß dieses Mädchen aus Berlin nach der ersten Wende einen Vorsprung von fünfzehn Sekunden besessen hatte und nach 150 Metern immerhin noch einen von knapp zwei Zehnteln. Doch dann dieses Drama der letzten Meter, am Ende einen Lidschlag zu langsam. Gold nur beinahe, was würde "Franzi" sagen?

Franziska van Almsick sagte nichts. Schon gar nicht, daß es ein Drama war. Den Kragen ihres Trainingsanzugs hatte sie wieder bis ganz nach oben zugezogen, sie schien ein wenig zu staunen. Gold ist alles, Silber ist Schweigen – sie sah es nicht so. Sechs Stunden täglich im Wasser, mehr als 10 000 Kilometer Training für Olympia, und dann doch nur Zweite? "Ich bin doch noch jung", sagte die Vierzehnjährige, als die Fragen der Erwachsenen immer drängender wurden.

Bei der allfälligen Suche nach taktischen Fehlern konnte Franziska van Almsick nicht behilflich sein. Sie erzählte nur, daß sie vor dem Wettkampf noch ein wenig geschlafen habe und daß sie sehr hoffe, auch in Zukunft diese Ruhe zu haben. Dann bat sie um Verständnis, die Dopingprobe. Instinktiv standen einige Beobachter auf, womöglich hätten sich ja auf dem Weg dorthin noch einige Fragen klären lassen. Doch eine Olympia-Hosteß versperrte die Tür.

Gut eine halbe Stunde später stand Franziska van Almsick wieder auf dem Startblock, diesmal in dem weiß überdachten Trainingsrevier hinter dem olympischen Becken. Sie reckte ihren Körper, lachte mit ihrem Trainer und schnitt Grimassen. Auf einem Steg hinter ihr stand ein deutscher Fernsehmann, seine Kamera ließ er einfach laufen. Er filmte ausführlich, "schöne Bilder", meinte er, bevor er ging. Franziska van Almsick hatte ihn nicht bemerkt.