Von Gero von Randow

Es fehlt ein wenig an natürlicher Strahlkraft, an Luftigkeit und Geschmeidigkeit." Nicht von einem Seidenkleid geht diese Rede, nicht von Primadonnengesang oder großem Wein, nein: von einem Verstärker für Stereoanlagen.

Der ist natürlich nicht irgendein Elektrokasten, sondern ein sogenanntes High-End-Gerät. Das bedeutet, daß es sich am "oberen Ende" der Qualitäts- und Preisskala befindet. Dessen blumige Beschreibung stammt von einem Technikjournalisten, der ebenso wie seine Leser zur Subkultur der "Highender" gehört.

Highender sind Menschen, die erstens viele Zehntausende Mark für Audiotechnik ausgeben und sich deshalb, zweitens, selbst als Highender verstehen. Sie hängen einem technischen Kult an. In der nächsten Woche werden Highender aus ganz Deutschland zu ihrer Messe, der "High End 92", nach Frankfurt am Main reisen.

Wer sich mit ihnen unterhält, erfährt vom unstillbaren Verlangen nach dem vollkommenen Klang. Wie alles Vollkommene ist er freilich mit Worten nicht beschreibbar, denn Worte engen ein. Eine technische Definition könnte lauten: Je genauer die Signale aus dem Lautsprecher den Signalen entsprechen, die ins Mikrophon wanderten, desto besser ist die Wiedergabe. Aber schön ist sie deswegen noch lange nicht. Wann empfindet wer was als schön?

Das fragen sich auch die Psychoakustiker. Die Wissenschaftler stehen vor Rätseln. Ihre Versuchspersonen reagieren manchmal auf kaum meßbare Differenzen im akustischen Verhalten verschiedener Audiosysteme – in anderen Fällen verwechseln sie Geräte, deren Meßkurven stark voneinander abweichen. Wie unser Hirn das Geschehen in den Ohren zu Klangerlebnissen verarbeitet, das ist noch weitgehend unbekannt.

Highender sind nicht nur Ohrenmenschen. Sie betrachten und befühlen die Objekte ihrer Begierde auch gerne: "Die Spulenwindungen bestehen aus ultrareinem 6N-Kupfer und schmiegen sich um einen Kern aus kaum weniger jungfräulichem 5N-Eisen", dichtet ein schreibender Audioerotiker den Tonabnehmer "Lyra" an. Der Stil, in dem die vergötterten Geräte in den High-End-Magazinen abgebildet werden, erinnert an die Glanzschönen in nichttechnischen Männermagazinen.