Von Walter Grasskamp

Bei der Einbürgerung der Künste, bei ihrer Übernahme aus der höfischen Kultur, hat es sich als günstig erwiesen, daß die adoptierten Gattungen gut zu vermarkten waren. Denn die Vermarktbarkeit der Künste war ihre Überlebensgarantie in der bürgerlichen Gesellschaft. Sie war aber auch die kulturelle Achillesferse der geschäftigen Klasse, die bald in den Verdacht geriet, die Künste hauptsächlich ihrer Verwertbarkeit wegen zu fördern und zu verlegen.

Diesen Verdacht widerlegte das Bürgertum durch die Unterhaltung von Institutionen, die sich bis heute wie Brückenköpfe der Kultur in den Zentren der Geschäftigkeit ausnehmen: Kunstvereinsgebäude, Opernhaus, Theater, Konzerthalle, Akademie und Museum zeugen von der Bereitschaft, Kunst nicht nur mit wirtschaftlichem Gewinn, sondern auch mit dem Aufwand verlustreicher Subventionen, also um ihrer selbst willen zu fördern.

Das hat die Vermarktung freilich nicht behindert, die in den einzelnen Branchen allerdings unterschiedlich gedieh. Die bildende Kunst etwa ließ sich von Anfang an spektakulär vermarkten, der Musik hat dagegen erst die Erfindung der Tonkonserve spürbar aufgeholfen. Wenn auch manche Gattung auf dem Markt nie richtig reüssiert hat – die Lyrik etwa –, so gab es doch nur wenige Kunstformen aus dem höfischen Kulturhaushalt, die so gut wie überhaupt nicht zu vermarkten waren und daher auf der Verlustseite der bürgerlichen Fortschrittsbilanz landen mußten.

Das höfische Fest etwa, das transitorische Gesamtkunstwerk, ist nur noch in der entstellten Form touristischer Sommerfestivals oder kommunalpolitischer Stimmungsmache gegenwärtig. In der von Richard Alewyn rehabilitierten Form des verschwenderischen "Großen Welttheaters" ist es Opfer der bürgerlichen Umsicht geworden. Dabei hat das Fest immerhin den Vorteil, über Eintrittsgelder, Standmieten oder den Getränkeumsatz in die bürgerliche Ökonomie integrierbar zu sein. Weitaus ungünstigere Voraussetzungen brachte dagegen eine andere barocke Kunst mit sich, die bei der bürgerlichen Kulturadoption daher auch bald untergegangen ist, nämlich die Kunst der Konversation.

Sie war in der höfischen Kultur als eigenständige Kunst formalisiert worden und hatte zuletzt einen hohen Rang eingenommen. In Rokoko und Klassizismus wurde sie selbst an eher provinziellen Höfen – Potsdam, Weimar – noch auf bemerkenswertem Niveau betrieben. Wenn sie auch nicht an vielen Höfen überzeugend ausgeübt worden sein mag und in ihrer perfekten Form vermutlich auch eher anstrengend war, besaß sie doch eine so große Ausstrahlung, daß eine Vielzahl von Vereinstypen und Salons dem Wunsch der städtischen Bürger Rechnung trugen, auch ihrerseits gebildete Gesprächsrunden in elegantem Rahmen zu unterhalten – Geselligkeiten, deren Charme man sich wohl als eine Mischung aus ästhetischem Dilettantismus, kulturellem Ehrgeiz und verbindlicher Sozialmaskerade vorstellen kann.

Die Kunst der Konversation führte natürlich in eine ökonomische Sackgasse. Wie hätte man auch die Geselligkeit kapitalisieren sollen?