Die Studentenrevolte brachte sogar ein kurzes Wiederaufblühen frühbürgerlicher Konversationskultur in der kulturrevolutionären Stimmung der Republikanischen Clubs zuwege, gleichsam als linkes Pendant zum kommunikativen Netzwerk des bürgerlichen Gegners in den Rotary Clubs. Doch war die Stimmung nicht von Dauer, und die Stabilität der amerikanisierten Busineß-Solidarität der Rotarier beweist ein weiteres Mal, daß eine Kunst nur dann eine Überlebenschance in der bürgerlichen Gesellschaft hat, wenn sie im Gefüge der Ökonomie eine Rolle zu spielen vermag.

Zurück zur Kunst

Mochte die politische Perspektive noch bis in die achtziger Jahre hinein ihre Faszination behalten, so ist spätestens nach dem beklemmend zeitlupenhaften Offenbarungseid des Kommunismus die Stimmung umgeschlagen – wie es scheint, zugunsten der lange Zeit geächteten religiösen Perspektive. Diesen Eindruck muß man gewinnen, wenn man die Wirkung von George Steiners Buch "Von realer Gegenwart" betrachtet. Denn neben der überwiegend ablehnenden Kritik unter Wissenschaftlern – die Hans Robert Jauß unlängst im Merkur 510/511 resümiert und eindrucksvoll ausgebaut hat –, haben sich mit Botho Strauß und Eckhard Nordhofen Fürsprecher gefunden, die in Steiner die Leitfigur einer anstehenden Umorientierung ausmachen wollen.

Steiners Generalabrechnung mit dem "parasitären Geschwätz" des Feuilletons, dem "grauen Morast" der Doktorarbeiten und Habilitationsschriften, mit dem "totalitären" Journalismus als dem "Geist unseres Zeitalters" und seinen "sekundären Seelen", mit der "exegetischen Wucherung" der Interpretationen und der "Inflation" der Bildungsgüter wäre in der Tat nur eine weitere Variation auf bereits ziemlich bekannte Themen, wenn er außer dem Problem nicht auch eine Lösung anbieten würde.

Sie lautet: Zurück zur Kunst! Nur dann, wenn man sich ernsthaft – und das heißt für Steiner: in rezeptivem Schweigen, reproduktiv oder unmittelbar – auf die Kunst einläßt, kann man der schlechten Welt des allgegenwärtigen Geschwätzes entfliehen. Seine Polemik gegen die akademisch-journalistische Mischkultur zielt daher nicht speziell gegen die Vorherrschaft des Monologs in der Moderne; auch die große Tradition der Konversation ist ihm nur ein paar verächtliche Bemerkungen über das "Gerede" wert.

In der Tradition der Konversationslehren entspricht Steiners Diktat daher der frühchristlichen Zerstörung antiker Urbanität. Wie man damals dem Klosterbruder die Nähe Gottes nur im sparsamen, überlegten Reden, dem Eremiten nur noch im Schweigen einräumte, will er dem kulturellen Vordergrundrauschen aus den Dissertationsschmieden und den Rezensionsfabriken mit einem Buch Einhalt gebieten, damit die Gegenwart des Erhabenen sich wieder entfalten kann.

Doch geht es nicht nur um die Gegenwart des Erhabenen, also um die Ästhetik. Hatte Susan Sontag einst in ihrem ähnlich rabiaten Essay "Against Interpretation" für eine antiakademische "Erotik der Kunst" plädiert, so stellt Steiner – gleichsam als Kompensation für den Verzicht auf den Medienrausch und die Sündhaftigkeit des Kulturschwatzens – nichts Geringeres als die Gegenwart Gottes in der Kunst in Aussicht.