Von Gabriele Venzky

Die alte Frau ist empört. Allzu vage und dürftig sind die Entschädigungsregeln, die das indische Parlament jetzt endlich für die Gasopfer von Bhopal verabschiedet hat. "Es ist vielleicht ganz gut, daß er das nicht mehr erleben muß", sagt sie. Ihr Sohn, Sheer Singh, ist vor ein paar Wochen gestorben, an "Tuberkulose", so der Totenschein. Sheer Singh war 23 Jahre alt.

Schon seit 1984 war er sterbenskrank. In der Nacht zum 3. Dezember waren damals vierzig Tonnen des tödlichen Methylisocyanat-Gases (MIC) aus den Tanks einer Pflanzenschutzmittel produzierenden Fabrik des Chemie-Multis Union Carbide geströmt und auf die indische Stadt Bhopal niedergegangen. Mindestens 1500 Menschen waren bei der größten Chemiekatastrophe aller Zeiten sofort umgekommen, inzwischen liegt die offizielle Todeszahl bei weit über 4000. Immer noch stirbt jeden Tag ein Mensch an den Folgen.

Grüner Schleim und Schmerzen

Sheer Singhs Wohnort, ein Slum mit dem wohlklingenden Namen Jayaprakash Nagar, bekam den größten Teil des Gases ab. In jener Nacht wurde der junge Mann zum Krüppel. Jahr für Jahr war zu beobachten, wie immer weniger von ihm übrigblieb. Bis auf die Knochen abgemagert, spuckte er grünen Schleim, schleppte sich mühsam bis vor die Hütte, keuchend, kaum fähig zu sprechen, und klagte über Schmerzen, die keinen Teil seines Körpers verschonten. Im sogenannten Gashospital hatten Ärzte ihn mehrfach untersucht, ohne ihm helfen zu können, und gesagt, er solle sich gefälligst zusammennehmen. Und sie stuften Sheer Singh als "leichten Fall" ein. Das war wichtig für den Schadenersatz. Den wollte er haben, "wegen der Gerechtigkeit", wie er immer wieder sagte. Nur dafür hielt er sich über sieben Jahre am Leben.

Gerechtigkeit wird wohl keinem der Gasopfer von Bhopal zuteil werden. Nach den Richtlinien des Parlaments, nach denen die Betroffenen entschädigt werden sollen, wird gezahlt: für den Tod 100 000 bis 300 000 Rupien, umgerechnet etwa 7000 bis 20 000 Mark, für dauernde Behinderung 3000 bis 13 000 Mark, für zeitweilige Behinderung 1600 bis 7500 Mark, für schwerste Verletzung bis zu rund 27 000 Mark. Für leichte Verletzung und Verlust von Habe und Tieren sind gerade rund 1000 Mark vorgesehen. Ganz abgesehen von den kläglichen Summen, werden keine Kriterien vorgegeben, an denen die verschiedenen Kategorien gemessen werden könnten. Das öffnet der Korruption Tür und Tor, und die meisten Opfer werden leer ausgehen, fürchtet die aktivste Selbsthilfeorganisation der Geschädigten, die Bhopal Gas Peedit Mahila Udyog Sangathan.