Der Lack ist ab. Paris gab sich diesmal puritanisch ("Der neue Versace – ein Minimalist"), Düsseldorf ganz grün. Erstaunlich, aber wahr: Die Mode, eitel und selbstverliebt, hatte bislang den trendigsten Trend der vergangenen fünfzehn Jahre glatt verschlafen. Während bio, öko und natur selbst für Automobilhersteller zum Verkaufsargument degenerierten, debattierten jene Leute, die Kleider machen heute, noch immer die alten Hüte: Rocklänge, Paris/Mailand etc. etc.

Plötzlich aber ist einer der Großen der Textilbranche aufgewacht. Awakenings, so nannte sich prätentiös eine Veranstaltung, die am vergangenen Wochenende 1 600 Einkäufer, Mediennasen und Trendschnüffler in einen alten Düsseldorfer Lokschuppen zog. Auf fünf vor zwölf standen die Zeiger der Uhr über der hochsymbolisch aufbereiteten Bühne, mit Sonnenblumen grüßend wie einst auf Grünen-Parteitagen hüpften nun Models der "ersten Öko-Kollektion" auf die Bühne. Schlicht der Schnitt, erdnah die Farben: vom Moos das Grün, vom Schiefer das Grau, von der Sonne das Rot und die Muster aus dem tierischen Mimikry-Kasten. Eine Absage an alles Schräge und Schrille, an Neon, Hüte und verzickte Accessoires.

Nicht fehlen durften auch die Kleinen. Sie taperten durch Trockeneis und wurden, obgleich des Laufens offenbar mächtig, immerzu geherzt und geküßt, damit wir so recht betroffen darüber grübeln, welchen Dreck wir ihnen hinterlassen. Gerade wurde die Halle mit Vogelgezwitscher und Insektengebrumm aus Lautsprechertürmen beschallt, als plötzlich Klaus Steilmann selbst, der Mode-Tycoon von der Ruhr, als Oberförster getarnt vor uns stand. Jenes unnachahmlich ziellose Schreiten, das Models so gut draufhaben, ist seine Sache nicht. Das zeigte sich spätestens bei der Pressekonferenz. "Hoffnung verbreiten und Naturverbundenheit zeigen", wollen Tochter Britta (Entwurf) und Vater Steilmann (Finanzier). Nicht in Sack und Asche sollen wir gehen, sondern mit gutem Gewissen solche Mode kaufen, die mit gutem Gewissen hergestellt wurde: gefärbt mit Pflanzenfarben, ohne Chemikalien, die üblicherweise das Gewebe weich und tragbar machen sollen.

Ein Gag? Hält da einer die grüne Fahne aus dem Karussell der Kollektionen und ruft: "Schluß jetzt?" Ein spektakuläres Experiment, um den strapazierten Blick der Insider zu kitzeln? "Ein Versuch", hieß es. Denn "leider" kann "natürlich" unter solchen Bedingungen nur ein winziger Teil der gesamten Konfektion hergestellt werden.

Und dann war es dieser kleine Regiefehler, der uns nachdenklich machte: Britta Steilmann nämlich trug Schwarz an diesem Abend, die Farbe, an der die Frauen sich seit acht Jahren nicht sattsehen können. Und ausgerechnet die Farbe, die bei der Herstellung besonders schwermetallhaltige Chemikalien benötigt.

Jahr für Jahr fallen in der Bundesrepublik 600 000 Tonnen Abfall aus Textilien und Bekleidung an, und nebenher sind wir auch noch zum größten Lumpenexporteur der Welt geworden (140 000 Tonnen). Die Verfahren, unsere abgelegten Klamotten zu zerfasern und zu neuen, nützlicheren Produkten zu verarbeiten, sind eben noch viel zu teuer und aufwendig.

Warum wir aber noch viel weiter von der schönen Öko-Mode entfernt sind, als innovationsfreudige Fabrikanten zugestehen wollen, das formulierte die Schauspielerin Marianne Sägebrecht in Düsseldorf so: "Die Ursache für den Irrsinn der Mode sind die Frauen, die sich in ihrer Unmäßigkeit und in ihrem Unglück die Kleiderschränke vollstopfen."