MERSEBURG. – Das ehemalige Deutsche Zentralarchiv in Merseburg, das seit Ende des Krieges die ebenso gewaltigen wie historisch faszinierenden Aktenbestände des brandenburgisch-preußischen Staates betreut, soll wieder einmal auf Reise gehen, eine Reise ins Ungewisse. In der Wende-Euphorie des Winters 1989/90 waren die Merseburger aus eigenen Stücken an die Westkollegen vom Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem herangetreten. Es schien selbstverständlich und historisch richtig, daß die Merseburger Bestände, immerhin 25 Kilometer laufende Akten, die während des Krieges ausgelagert worden waren, ins Stammhaus im Westen der vormals geteilten Stadt zurückgebracht und mit den recht kümmerlichen Restbeständen, die dort noch lagerten, wiedervereinigt würden. Heute stellt sich die Sache ein bißchen anders dar.

Seit dem Fall der Mauer arbeitet das Merseburger Archiv auf Hochtouren. Es wird mit Anfragen und Benutzungsanträgen nachgerade überschwemmt. Aber es herrscht ein gewaltiger Personalmangel (anders als in Dahlem), und es fehlt an Geld. Trotzdem zeichnen sich die unterbezahlten Archivare und ihre Mitarbeiter durch Fachkenntnis und frappierende Liebenswürdigkeit aus. Obwohl ein guter Teil der archivarischen Arbeit, etwa die Erfassung der Aktenbestände, ruhen muß, gelingt es den hilfsbereiten Sachbearbeitern immer wieder, die Zuschriften aus aller Welt recht prompt zu beantworten, den Lesesaalbenutzern die Akten herauszusuchen und gründliche Auskunft zu geben. Man schätzt sich als Historiker glücklich, hier arbeiten zu dürfen. Noch ist es möglich ... Denn das Archiv Merseburg soll ja nach Dahlem – zurück. Die Art und Weise, mit welcher diese Rückführung stattfindet, trifft allerdings nicht immer auf Zustimmung. Um es gelinde auszudrücken.

Problem Nummer eins: die Raumnot. Im Dahlemer Archiv ist für die vielen tausend Aktenkartons aus Merseburg kein Platz. Den ehemaligen Magazintrakt hält nämlich jetzt das Museum für Deutsche Volkskunst (ebenfalls der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angehörig) besetzt, und das will verständlicherweise nicht weg.

Problem Nummer zwei: Erweiterungsbau. Ersatzweise wurde über einen Anbau an das Archiv geredet. Konkrete Pläne gibt es anscheinend noch nicht, was den Kulturtechnokraten freilich wenig kümmert. Anstatt die Bestände vorläufig in Merseburg zu belassen, bis der Neubau fertig ist, hat man beschlossen, die Akten trotzdem nach Berlin zu bringen – und zwischenzulagern.

Problem Nummer drei: das Zwischenlager. Es wurde auf dem Eiswerder bei Spandau schon vor einigen Monaten ein unbeheizbares, also hygrometrischen Schwankungen ausgesetztes Depot angemietet – zu einem horrenden Preis, wie man hört. Dort lagerte bis vor kurzem der Lebensmittelnotvorrat des Berliner Senats. Aber eine Örtlichkeit, die zur Aufbewahrung von Milchpulver und Konservenbüchsen geeignet ist, mag zur Unterbringung jahrhundertealter Manuskripte und Staatsakten weniger ideal sein. Ein Archivar, ein Konservator, jemand, der auch nur einen blassen Schimmer von der Fragilität alter Papiere hat, war anscheinend nicht zur Stelle, als dieses Lager ausgesucht wurde.

Problem Nummer vier: Akten-Pendelverkehr. Das Archivgut soll zwar Benutzern zur Verfügung gestellt werden, der Lesesaal aber befindet sich nach wie vor in Dahlem. Also müßten die Akten aus dem Depot hin- und (nach Benutzung) zurückgebracht werden. Man plant einen täglichen Pendelverkehr mit einem Kleintransporter, setzt also das Kulturerbe von Jahrhunderten den überfüllten, abgasverpesteten, unfallgefährlichen Straßen der Großstadt aus. Täglich.

Problem Nummer fünf: Personalübernahme. Dem Merseburger Archivpersonal wurde offenbar zugesichert, nach Dahlem übernommen zu werden. Das volle Westgehalt wird den Übersiedlern natürlich nicht bezahlt, wobei es ein Rätsel bleiben wird, wie man mit dem Hungerlohn in der überteuerten, vollgestopften Boomstadt Berlin ein Auskommen finden soll. Nicht wenige der älteren Mitarbeiter ziehen es vor, mit einer Minipension in den Vorruhestand zu gehen – obwohl gerade ihre Kenntnis der Bestände beim Neuaufbau des wichtigsten historischen Archivs Deutschlands so unentbehrlich ist.