Von Carl D. Goerdeler

Rio

Als "weißer Ritter" der kleinen Leute, als Kämpfer gegen die wuchernde Korruption hatte sich Fernando Collor de Mello vor zweieinhalb Jahren zum brasilianischen Präsidenten wählen lassen. Doch nach der Hälfte seiner Amtszeit steht der erste Mann in Lateinamerikas größtem Land in schmutziger Weste vor seinem Volk. Seit Monaten belasten den 43jährigen Politiker Vorwürfe aus der eigenen Familie und aus dem Kreis seiner engsten Mitarbeiter: Er habe seine Stellung hauptsächlich genutzt, um kräftig in die eigene Tasche zu wirtschaften. Die burleske Affäre droht Brasiliens Demokratie in einen moralischen Bankrott zu treiben. Und sie könnte den sich unschuldig gerierenden Präsidenten schon bald sein hohes Amt kosten.

Ausgerechnet sein jüngerer Bruder Pedro hatte Fernando Collor dies eingebrockt. In einem Interview mit dem Magazin Veja hatte er behauptet, sein Bruder plündere zusammen mit dem obskuren Unternehmer Paulo Cesar Farias den Staatssäckel und teile sich mit ihm die Beute.

Die massiven Vorwürfe gegen den Präsidenten lösten landesweit Entrüstung aus. Mutter Leda Collor beeilte sich zwar, den Nestbeschmutzer Pedro zu stoppen und wegen angeblicher Unzurechnungsfähigkeit vom Familienunternehmen – einem regionalen Pressekonzern – auszuschließen. Aber als absurder Familienkrach war die Affäre nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Da half auch nicht mehr, daß Pedro seine Vorwürfe gegen Fernando später abschwächte.

Denn das Maß war schon randvoll. Bereits vorher hatten die Brasilianer eine endlose Folge von Korruptionsskandalen wie eine billige Fernsehserie verfolgen müssen. Zuerst war die "Primeira Dama" Rosane aufgefallen, die ihre hochdotierte "ehrenamtliche" Tätigkeit als Wohlfahrtspräsidentin dazu nutzte, ihrem Clan im bettelarmen Bundesstaat Alagoas Sozialhilfe zuzuschustern. Dann kam die Vetternwirtschaft in einem halben Dutzend Ministerien, schließlich trat der Arbeitsminister ins Rampenlicht, der sich mit der Annahme von 30 000 Dollar Schmiergeld brüstete. Der Präsident sah sich gezwungen, fast sein gesamtes Kabinett auszuwechseln. Er glaubte, "die Schlammschlacht" überstanden zu haben. Doch in Wahrheit sollte das Drama erst beginnen – mit Fernando Collor als Hauptdarsteller.

Der Bruder-Rufmord hatte nämlich inzwischen das Parlament auf den Plan gerufen: Ein Untersuchungsausschuß nahm die obskuren Geschäfte des einstigen Wahlhelfers und Collor-Günstlings Paulo Cesar Farias unter die Lupe. Schecks waren aufgetaucht, die aus dem Imperium des Unternehmers stammten und geholfen hatten, das aufwendige Leben der Primeira Dama und die laufenden Kosten der Präsidentenvilla zu decken. Collor spricht von einer "infamen Lüge" seiner Gegner, die sich zu einem Putsch verschworen hätten. Aber woher stammen diese Schecks?