Von Manfred Overesch

Tausende von Menschen drängten sich in den Straßen der kleinen Stadt, in Sprechchören riefen sie den Gast aus der Wirtschaft heraus, in der er und seine wenigen Begleiter gerade Spaghetti mit Ei zu Mittag aßen. Jugendliche sperrten derweil das mittelalterliche Stadttor zu, Kinder erkletterten die Trittbretter des dunkelblauen Sieben-Liter-Mercedes-Kompressors und forderten Autogramme. "Sie lachten, und Hitler lachte mit."

Zeuge dieser Szene und ihr späterer Berichterstatter war Albert Speer, der im Herbst 1934 den Führer und Reichskanzler auf dessen Fahrt von Weimar nach Nürnberg als Architekt begleiten durfte, um unterwegs und am Zielort Baupläne für das Parteitagsgelände zu erörtern. Südlich des Thüringer Waldes war die kleine Wagenkolonne, da mit offenem Verdeck gefahren wurde, erkannt und von eifrigen nationalsozialistischen Ortsgruppenleitern jeweils weitergemeldet worden. So blieb sie mehr und mehr im Ansturm der Schaulustigen stecken. In Hildburghausen ließ sich dann das vorläufige Ende der Dienstreise nur durch eine ausgiebige Autogrammstunde umgehen.

Die kleine Stadt stand kopf. Ihre Einwohner gedachten ihres besonderen Verhältnisses zum durchreisenden Besucher. Am 12. Juli 1930, auf einem Gautag der thüringischen NSDAP, war nämlich der Österreicher Adolf Hitler zum Gendarmeriekommissar von Hildburghausen ernannt worden. Mit dieser Ernennung zum Beamten der Besoldungsstufe 4 e war automatisch die Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft verbunden. Dieser Vorgang war politisch delikat, die Erinnerung daran im Herbst 1934 nicht unbedingt empfehlenswert. Man unterließ eine offizielle Begrüßung. Doch der Reisende genoß das Chaos, welches seine begeisterten Anhänger anrichteten. Vier Jahre zuvor hätte er es als Polizeichef des Ortes bändigen müssen – wenn er denn diesen Posten übernommen hätte.

Wilhelm Frick, der erste nationalsozialistische Landesminister im Deutschen Reich, hatte den Vorgang damals eingefädelt. Nach den Wahlen zum thüringischen Landtag am 8. Dezember 1929, die im Herzen Deutschlands, das bis dahin politisch zwischen rechts und links geschwankt hatte, einen deutlichen Rechtsruck bewirkten und der NSDAP mit 11,3 Prozent der Stimmen (90 159) sechs Mandate einbrachten, war Hitler selber in Weimar vorstellig geworden. Er witterte eine Machtchance. Bei 24 Abgeordneten der SPD und KPD und 23 der Bürgerlichen konnten die 6 der NSDAP das Zünglein an der Waage spielen. Hitler empfahl Frick, den bayerischen Oberamtmann a. D. aus der Pfalz, als seinen "besten Mann" und setzte dessen Wahl und Ernennung zum thüringischen Minister für Inneres und Volksbildung durch.

Tage später schrieb Hitler in einem seiner wenigen privaten Briefe an einen Anhänger in Amerika, jetzt werde man in Thüringen "mit rücksichtsloser Entschlossenheit einen Nationalismus einleiten". Das Land, "von dem in der deutschen Geschichte schon einige Male große geistige Erneuerungen ausgegangen" seien, werde "abermals der Ausgangspunkt einer solchen geistigen Umwälzung werden". Dafür war Frick mit den umfassendsten exekutiven Möglichkeiten in Weimar bereit.

Thüringen stand damals schon länger im Fadenkreuz beider politischen Extreme. Im Oktober 1923 war den Kommunisten, die von Osten mit dem Rückenwind der kommunistischen Internationale und dem Organisationstalent Walter Ulbrichts vordrangen, der Versuch einer revolutionären Machtergreifung von links mißlungen; danach hatten die Nationalsozialisten auf ihrem Weg von München nach Berlin das Land als Aufmarschgebiet erkoren. Im Jahre 1926, bei ihrem ersten Reichsparteitag, den sie in Weimar begingen, hatte der erste thüringische Gauleiter Arthur Dinter, der Vorgänger Fritz Sauckels, seinen Parteichef im Nationaltheater begrüßt: "An der Stelle, wo [Reichspräsident] Ebert saß, sitzt und steht heute Adolf Hitler."