Von Katja Marx

Mit vierzehn hab’ ich verzweifelt ’ne Freundin gesucht. Das wird dann schon, hab’ ich gedacht." Lars wollte es einfach nicht wahrhaben. Als er dann endlich eine Freundin hatte, ließ er sich bei den Feten immer vollaufen, damit sie hinterher nicht mit ihm schmusen wollte. Ein halbes Jahr ging es gut, nur mit Küssen. Dann hat sie Schluß gemacht, und Lars war klar, daß er sich nicht zwingen kann, ein Mädchen zu lieben. Also mußte er lügen. Vor allem die Eltern durften es nicht erfahren. Das war überhaupt das wichtigste für Lars.

Frank war vierzehn, als er es gemerkt hat. Aber glauben wollte er es nicht. Zumindest nicht ohne Alkohol. Nur wenn er blau war, hat er in sein Tagebuch geschrieben: Ich bin schwul. Am nächsten Morgen hat er dann immer das Blatt rausgerissen. Wie viele Seiten es insgesamt waren, weiß er nicht, aber daß es fünf Jahre lang so ging, das weiß er noch gut. Jetzt ist Frank vierundzwanzig. Lars und Frank sind zusammen von Münster nach Frankfurt gefahren: zum schwul-lesbischen Jugendtreffen.

Schulversagen und Probleme mit der eigenen Homosexualität sind auch heute noch die häufigsten Ursachen für Selbstmord von Jugendlichen. Die Gründe sind fehlende Selbstakzeptanz und Isolation. Für Jugendliche ist es besonders schwierig, eine positive Einstellung zur eigenen homosexuellen Identität zu finden, weil Schwule und Lesben in der Öffentlichkeit vor allem negativ, nämlich als Opfer dargestellt werden: als Opfer von Aids, von Verbrechen, oder, wenn sie prominent sind, als Opfer des outing. Um dem entgegenzuwirken, hat sich in Frankfurt ein Verein gegründet. Er heißt "Europäisches Schwul-Lesbisches Jugendtreffen" und hat zusammen mit der Schwulen Jugendclique Frankfurt und dem Ostberliner Jugendnetzwerk Lambda in knapp drei Monaten ein Programm auf die Beine gestellt, das in der vergangenen Woche rund hundert Jugendliche an den Main lockte. Zum Erfahrungs- und Meinungsaustausch, zur Arbeit in Workshops und Seminaren und vor allem, um in der Öffentlichkeit ein Zeichen zu setzen: Homosexualität ist kein Anlaß, sich zu verstecken, im Gegenteil.

Die jugendlichen Schwulen und Lesben haben in Frankfurt die Normalität einer Randgruppe vorgelebt. Ihre eigenen Randgruppen, "die Straßenkinder, die zu Hause rausgeflogen sind, die schwulen Strichjungen, die Ledertrinen und die Tunten im Weiberfummel" (wie Michel aus Basel es nannte), waren nicht anwesend. Vielleicht kommen sie das nächste Mal nicht nur in Workshops vor, sondern auch live.

Die meisten der Teilnehmer sind ganz spontan zu dem Jugendtreffen gekommen. Einladungen lagen vor allem in Cafés und bei Selbsthilfegruppen aus. Im Vordergrund stand, daß sich die Jugendlichen überhaupt mal kennenlernen. Die internationale Dimension eröffnete sich eher in den kleinen Gesprächen: Als zum Beispiel Michel erzählt, daß Homosexualität bei Jugendlichen zwischen sechzehn und achtzehn in der Schweiz bis zur Gesetzesreform im Juni illegal war und mit Besserungsanstalt geahndet wurde. Oder als Jean und Marcel erzählen, daß die Schwulen in Frankreich Angst vor den Rechtsradikalen und vor der nächsten Wahl haben.

Wie Frank und Lars ist die Mehrzahl der Teilnehmer zwischen achtzehn und sechsundzwanzig Jahre alt. Ihr Coming-out begann durchschnittlich mit achtzehn, neunzehn. Daß der Prozeß, in dem man sich zur Homosexualität bekennt, je abgeschlossen sein wird, glauben die wenigsten. "Höchstens so mit vierzig, vielleicht wissen dann alle, daß ich lesbisch bin", sagt Martina, achtzehn Jahre alt. Aber vierzig, das könne sie sich sowieso nicht vorstellen. Das sei ja mehr als doppelt so alt wie jetzt.